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Freiburger Mordprozess : Das Lügen des Hussein K.

Unfähig eine Erektion zu bekommen

Auch Bernhard Kramer, der Anwalt der Opferfamilie, plädierte für Sicherungsverwahrung und besondere Schwere der Schuld. Er hält den Angeklagten für „schauspielerisch begabt“ und „manipulativ“, weshalb es besser sei, jetzt die Sicherungsverwahrung anzuordnen und nicht in 15 Jahren, wenn er aus der Haft entlassen werde – denn dann werde er die Gutachter manipulieren. „Die Nebenkläger wollen wissen, wie es wirklich war, sie wollen vor allem, dass anderen Menschen nicht das Gleiche passiert.“

Sebastian Glathe, Hussein K.s Pflichtverteidiger, forderte eine Jugendstrafe und plädierte zudem dafür, weder die besondere Schwere der Schuld festzustellen noch die Sicherungsverwahrung anzuordnen. Er sah bei seinem Mandanten sogar „deutliche Hinweise auf einen Entwicklungswillen und eine Entwicklungsfähigkeit“. Auch hält er Hussein K.s Totschlagsversuch in Griechenland für ungeeignet, die besondere Schwere der Schuld zu begründen, denn die Analyse des damaligen Urteils habe keine neuen Erkenntnisse zutage gebracht.

Auch wenn klassische Mordmerkmale erfüllt seien, so müsse das Gericht doch berücksichtigen, dass der Angeklagte sadistisch veranlagt und somit krankhaft sei, außerdem sei seine Steuerungsfähigkeit durch den Drogenkonsum in der Tatnacht eingeschränkt gewesen, das zeige seine „erektile Dysfunktion“. Ginge es nach Glathe, könnte Hussein K. schon in zehn Jahren wieder in Freiheit sein.

Am Donnerstag dieser Woche will das Gericht sein Urteil fällen. Dass der Angeklagte mit einer lebenslänglichen Strafe wegen Mordes nach Erwachsenenstrafrecht rechnen muss, ist wohl anzunehmen. Welche Entscheidung das Gericht bezüglich der Rechtsfolgen treffen wird, ist schwerer vorauszusagen.

Der politische Einfluss des Falles Hussein K.

Pflichtverteidiger Sebastian Glathe kritisierte auch die öffentliche Diskussion über den Fall Hussein K., es handle sich nicht um einen politischen Fall. Glathe hat insofern recht, als sich aus dem Freiburger Fall für die Einwanderergruppe der minderjährigen Flüchtlinge wenig ableiten lässt. Denn der kulturelle Hintergrund und die Religion spielten – das betonte der psychiatrische Gutachter – eine, wenn überhaupt, geringe Rolle, am ehesten noch für das archaische Frauenbild des Angeklagten. In erster Linie aber ist Hussein K. ein brutaler, empathieloser Einzeltäter, der noch Spuren von seinem Opfer abzuwaschen versuchte und zwei Tage nach dem Mord schon wieder bei einer Veranstaltung Lieder sang. Auch ist der Fall insofern nicht politisch, weil Hussein K. auch nach Deutschland eingereist wäre, wenn es die Grenzöffnung im Herbst 2015 nicht gegeben hätte – zumal es in diesem Fall nicht deutsche Behörden waren, die versagt hatten. Es war das Versäumnis der Griechen, Fingerabdrücke und Fotos des gefährlichen Straftäters nicht an Interpol und das Schengen-Informationssystem zu geben. Allerdings zeigt der Fall, wie leicht es für junge Flüchtlinge lange Zeit war, sich mit einer erlogenen Altersangabe einen sicheren Aufenthaltsstatus im deutschen Jugendhilfesystem zu erschleichen. Für Hussein K. war außerdem eine für die Steuerzahler teure Erziehungsstelle eingerichtet worden, die regulär noch nicht einmal genehmigt war. Gegen den Jugendhilfeträger wird wegen Betruges ermittelt.

Die politischen Folgen des Falls blieben bislang gering, die Schaffung einer speziellen Jugendhilfe für minderjährige Flüchtlinge hat unter Politikern wenige Anhänger. In Freiburg wird einen Monat nach dem Urteilsspruch der Oberbürgermeister gewählt. Es tritt auch ein rechtspopulistischer Kandidat an. Die Wahl wird zeigen, ob der Fall Hussein K. die liberalste, sonnigste und ökologischste Stadt Deutschlands dauerhaft erschüttern konnte.

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