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Freiburger Mordprozess : Das Lügen des Hussein K.

Das psychiatrische Gutachten von Hartmut Pleines fiel überraschend eindeutig und für den Angeklagten negativer aus, als viele Prozessteilnehmer erwartet hatten: Hussein K. sei weder schizophren noch liege eine schwere Drogenabhängigkeit vor, noch gebe es irgendwelche Hinweise auf eine frühkindliche Hirnschädigung oder eine retardierte Entwicklung. Hussein K. könne andere Menschen täuschen, er könne gewinnend auftreten, er habe eine Neigung zur manipulativen Beeinflussung. Pleines’ Exploration ließ wenig Spielraum, um den Mord und die sexuellen Manipulationen an der Leiche Maria L.s anders als mit den schlechten Charaktereigenschaften zu erklären: Hussein K. sei ein Mensch mit einer geringen Gewalthemmung, es gebe keinen „Resonanzboden für das Leid von Dritten“. Pleines’ Ausführungen gipfelten in der Feststellung: „Das ist keine Persönlichkeitsstörung, sondern eine Charakterbeschreibung.“ Die Ursache für sein kriminelles Verhalten liege nicht in einer Sucht, nicht im Herkunftsraum, nicht darin, dass er schiitischer Muslim sei. „Hussein K. agiert reif und kompetent und lässt Jugendliches vermissen.“

Sexuelle Devianz und Frauenfeindlichkeit

Ziemlich schnell erwies sich Husseins Geständnis als Märchen: Er habe sich am Abend des 15. Oktober in der Freiburger Innenstadt mit Freunden zu einem Hasch-Wodka-Gelage getroffen, er sei betrunken und berauscht gewesen, zufällig sei es dann zur Begegnung mit Maria L. am Ufer der Dreisam gekommen: Er habe stark alkoholisiert auf dem Boden gelegen; als sich ein Fahrradfahrer genähert habe, habe er gegen einen Reifen des Fahrrads getreten. Dass eine Frau auf dem Fahrrad saß, will er nicht erkannt haben. Aber auf den Videoaufnahmen, die ihn in der Straßenbahn zeigen, lassen sich keine grobmotorischen Ausfälle feststellen. Sexuell absichtslos war er auch keineswegs unterwegs: Gut zwei Stunden vor dem Mord traf er in der Homosexuellen-Kneipe „Sonderbar“ drei Frauen, zwei erlebten ihn als äußerst übergriffig. Eine Zeugin berichtete vom „Baggeralarm“, sie informierte darüber sogar einen Bekannten über Whatsapp; eine andere Zeugin sagte, Hussein sei mit „fordernden Blicken“ auf sie zugekommen. In der Straßenbahn, auf dem Weg zum Tatort an der Dreisam, belästigte er eine weitere Frau. Fast alles spricht also dafür, dass Hussein K. in dieser Nacht zwanghaft ein sexuelles Abenteuer suchte. Auch war es fast unmöglich, Maria L. auf dem Fahrrad für einen Mann zu halten, denn der Weg an der Dreisam ist nachts gut beleuchtet und Maria L. trug ihre Haare fast immer offen. Und sie saß auf einem klassischen Damenfahrrad mit Korb. „Was ist Sex für Sie? Was ist für Sie eine Vergewaltigung?“, fragte die Vorsitzende Richterin Hussein K. – sie erhielt darauf bis zum letzten Verhandlungstag keine Antwort.

In den vergangenen zwei Wochen hörte das Gericht nun die Plädoyers des Staatsanwalts, des Pflichtverteidigers und des Nebenklagevertreters, der Maria L.s Eltern vertritt. Eckart Berger, der Staatsanwalt, forderte, Hussein K. wegen Mordes in Tateinheit mit besonders schwerer Vergewaltigung zu verurteilen. Mindestens zwei Mordmerkmale seien erfüllt: Der Angeklagte habe heimtückisch gehandelt, weil Maria L. arg- und wehrlos gewesen sei, und er habe die Tat zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs begangen. Eine Affekttat sei es nicht gewesen.

Berger plädierte für eine lebenslange Haft nach Erwachsenenstrafrecht, für die Anordnung der Sicherungsverwahrung und dafür, dass das Gericht die besondere Schwere der Schuld feststellt. Hussein K. hatte bereits in Griechenland wegen versuchten Totschlags und Raubes an einer Studentin im Gefängnis gesessen. Auch wenn es dieses erste Verbrechen nicht gegeben hätte, läge eine besondere Schwere der Schuld vor, sagte der Staatsanwalt, denn Maria L. sei ihrer „Subjektqualität“ beraubt worden. Dem Angeklagten fehle Empathie, er sei frauenfeindlich, die sexuelle Devianz stecke in seiner Persönlichkeitsstruktur.

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