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Freiburg : Haftstrafen im Lynchmord-Prozess

Dem jüngeren der beiden Angeklagten werden im April 2015 vor Gericht die Handschellen entfernt. Bild: dpa

Gemeinsam lockten sie den mutmaßlichen Vergewaltiger ihrer Tochter und Schwester in einen Hinterhalt und töteten ihn. Das Landgericht Freiburg hat Vater und Sohn nun zu langen Haftstrafen verurteilt.

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          Das Freiburger Landgericht hat im „Selbstjustizfall von Neuenburg“ die Täter zu hohen Haftstrafen verurteilt. Am 18. Juni 2014 hatten die Mitglieder einer libanesischen Familie den mutmaßlichen Vergewaltiger einer Tochter auf einem Parkplatz unter grausamen Umständen getötet und den mehrfach angekündigten Akt der Selbstjustiz in die Tat umgesetzt. Den zur Tatzeit 17 Jahre alten Akram Y. verurteilte das Gericht wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von acht Jahren. Seinen 48 Jahre alten Vater Moustapha Y. verurteilte das Gericht zu lebenslänglicher Haft.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Niedrige Beweggründe sah das Gericht als erwiesen an, weil er diese gebilligt und mehrfach auch in Anwesenheit der Polizei und einer psychiatrischen Betreuerin angekündigt habe. Die besondere Schwere der Schuld wollte das Gericht nicht anerkennen. Der 21 Jahre alte Mittäter Timo P., der den mutmaßlichen Vergewaltiger während des Mordes festgehalten hatte, wurde zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt. Duncan S., ein weiterer Mittäter, der geholfen hatte, das Opfer unter der Vortäuschung eines Rauschgiftgeschäfts auf einen Parkplatz zu locken, wurde zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Der Vorsitzende Richter deutete an, dass der Akram Y. eine Chance auf Resozialisierung haben müsse, er habe schon den Hauptschulabschluss in der Haft gemacht und könne in den drei Jahren, die er vermutlich noch zu verbüßen habe, eine Berufsausbildung abschließen.

          Die Begriffe „Blutrache“ oder „Ehrenmord“ seien für diesen Fall nicht zutreffen, sagte der Richter. Einem Akt der Blutrache gehe in der Regel ein Mord voraus. Hier sei es aber eine Vergewaltigung gewesen. Auch handle es sich nicht um einen Ehrenmord, weil der Ermordete kein Familienmitglied sei. Der Richter sagte, es habe sich aber um einen „Akt der Selbstjustiz“ gehandelt, es sei vor allem durch das „Nachtatverhalten“ der Angeklagten Akram Y. und Moustapha Y. nachweisbar, dass die Planung und Realisierung der Tat auch einen „kulturellen Hintergrund“ gehabt habe. In der Familie habe eine „Atmosphäre der Rache“ vorgeherrscht, der Vater habe seinen Sohn aus dem Urlaub in Venedig zurückgeholt. Eigentlich wäre es seine Aufgabe gewesen, den Mord zu verhindern. Der Sohn habe noch nach der Tat angegeben, dass er „die Ehre der Familie“ habe wieder herstellen wollen. Der Vater habe mit Handgesten deutlich gemacht, dass der mutmaßliche Täter enthauptet werden müsse und dies in seiner libanesischen Heimat üblich sei. Der Vorsitzende Richter wies auch mehrfach darauf hin, dass die Familie den Fahndungsbemühungen der deutschen Polizei kein Vertrauen entgegengebracht habe. Die Familie habe sich weder nach dem Stand der Ermittlungen erkundigt noch habe sie die Fahnder der Kriminalpolizei unterstützt, obwohl sie ja mit der Ermittlung des mutmaßlichen Täters weit vorangekommen sei.

          Verteidiger bestritt kulturellen Hintergrund der Tat

          Der Strafverteidiger von Akram Y. dagegen hatte in der Hauptverhandlung einen „kulturellen Hintergrund“ der Tat stets bestritten, die Rachetat sei nur psychologisch aber nicht kulturell zu erklären, der Täter sei vom Rachegedanken „beseelt“ gewesen und habe in einer „Parallelwelt“ gelebt. Das könne auch Menschen passieren, die Mitteleuropäer seien.

          Am Abend des 18. Juni 2014 hatten die Täter den 27 Jahre alten Patrick H. auf den gut einsichtigen Pendlerparkplatz an der deutsch-französischen Grenze gelockt. Sie hatten ein Rauschgiftgeschäft vorgetäuscht, der mutmaßliche Vergewaltiger war nach der Tat in die Weinberge des Elsass geflüchtet. Der Vater und der Sohn hatten ihr Opfer hinter einer Böschung auf dem Parkplatz mit einem Messer, einem Teleskopstab sowie einem Elektroschocker traktiert. Akram Y. tötete Patrick H. mit 23 Messerstichen, der Vater schlug mit dem Teleskopstab zu. Ein aus Frankreich herbeigerufener Notarzt konnte das Leben des Mannes nicht mehr retten. Die Familie lebte zwar in beengten und bescheidenen Verhältnissen in der südbadischen Kleinstadt Müllheim, Akram Y. ist aber größtenteils in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert, hätte also eigentlich eine Vorstellung der deutschen Rechtsordnung haben können. Als der Vater nach der Urteilsverkündung in den Hof des Landgerichts abgeführt wird, rennt eine seiner Töchter auf ihn zu, umarmt und küsst ihn. Die Tochter, die vergewaltigt worden ist, soll dem Prozess stets fern geblieben sein.

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