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Frau in Palästina : Von der Familie in den Tod getrieben

Nein zur Gewalt: Frauen protestieren nach Israa Gharibs Tod in Ramallah. Bild: AFP

Israa Gharib schrieb auf Instagram über Mode und machte auch die Beziehung zu einem Mann im Internet öffentlich. Kurz danach war die Einundzwanzigjährige tot. Der Fall facht die Diskussion um „Ehrenmorde“ in Palästina an.

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          Israa Gharib studierte Englisch in Bethlehem und arbeitete als Kosmetikerin. Sie verliebte sich in einen Mann und machte die Beziehung im Internet öffentlich. Kurz danach war die Einundzwanzigjährige tot. Mutmaßlich waren es ihre Verwandten, die sie Ende August in den Tod trieben. In Ramallah demonstrierten daraufhin 200 Personen. Sie verlangten, dass endlich etwas gegen Übergriffe auf Frauen getan wird. Die palästinensischen Behörden versprachen, das Strafgesetzbuch einer Überprüfung zu unterziehen.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Am Donnerstag teilte die palästinensische Generalstaatsanwaltschaft in Ramallah mit, dass drei Personen des Mordes angeklagt wurden. Nach den Worten des Staatsanwalts Akram al Khatib ergaben die Ermittlungen keine Hinweise auf einen „Ehrenmord“. Gharib sei von einem Balkon am Haus ihrer Familie gefallen. Gestorben sei sie allerdings an den Folgen von Schlägen, die ihr zuvor zugefügt wurden. Es gebe zudem Hinweise, dass sie körperlicher und psychischer Gewalt durch ihre Familie ausgesetzt war.

          Israa Gharib war schon Anfang August mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus in der Nähe von Bethlehem gekommen, nachdem ihre Verwandten sie offenbar misshandelt hatten. Kurz vorher hatte Gharib, die auf Instagram über Mode schrieb, ein Video von einem Treffen mit ihrem mutmaßlichen Freund verbreitet. Er soll um ihre Hand angehalten haben. Das könnte der Auslöser gewesen sein: Denn auch wenn ihre Eltern angeblich der Verbindung nicht im Wege standen, sollen Gharibs Brüder und Cousins vehement dagegen gewesen sein.

          Noch im Krankenhaus abermals geschlagen

          Von ihrem Krankenhausbett aus verbreitete Gharib über Instagram noch eine Nachricht: „Ich bin stark und habe einen Willen, und wenn ich den Willen nicht hätte, dann wäre ich gestern schon gestorben.“ Man solle ihr eine erfolgreiche Operation wünschen, fügte sie hinzu. Für ihre Brüder und Cousins war das womöglich eine weitere Provokation. Noch im Krankenhaus soll sie abermals von Verwandten geschlagen worden sein, wie eine Krankenschwester beobachtet haben will. Zu einer Operation an ihrer offenbar verletzten Wirbelsäule kam es jedenfalls nicht mehr. Gharib verließ das Krankenhaus, möglicherweise gegen den Rat ihrer Ärzte.

          Palästinensischen Medienberichten zufolge starb Gharib wenig später in ihrem Wohnort Beit Sahour nahe Bethlehem. Sie sei vom Balkon gefallen, als sie vor einem Angriff ihrer Brüder floh, heißt es. Freunde Gharibs äußerten sich schockiert über den Tod: „Hass und Neid kommt von den Menschen, die dir am nächsten sind“, schrieb eine von Gharibs mutmaßlichen Bekannten auf Twitter.

          Vergangene Woche traten drei Forensiker der Strafbehörden aus Protest zurück, angeblich, weil Beweise unterschlagen wurden, was Staatsanwalt Khatib jedoch bestritt. Die Rücktritte hätten mit dem Fall Gharib nichts zu tun. Nach Angaben palästinensischer Frauenverbände wurden in diesem Jahr schon 18 Frauen von Familienmitgliedern getötet. Sie werden in Verbindung mit sogenannten Ehrenmorden gebracht. Nach dem Tod Gharibs hatte ihre Familie den Zusammenhang bestritten, und von „psychischen Problemen“ der jungen Frau gesprochen. Der Direktor eines Frauenhauses in Bethlehem gab jedoch an, Gharib habe keine psychischen Probleme gehabt, das sei, wie so oft, nur vorgeschoben, um die Gewalt gegen eine Frau zu verschleiern.

          Die palästinensischen Behörden haben Gharibs Familie verboten, mit Medien zu sprechen. „Ehrenmorde“ seien kein besonders verbreitetes Problem in Palästina, ließ die Staatsanwaltschaft dazu wissen. Nach Polizeiangaben gab es 2017 insgesamt 34 Morde, davon seien vier Opfer weiblich gewesen, bei zwei Frauen ging es um die „Ehre“ der Getöteten. 2018 waren es demnach drei Morde im Kontext sogenannter Ehre, in diesem Jahr war es bislang ein Mord. Über Dunkelziffern wird nichts gesagt. Ein Gericht soll nun entscheiden, ob Gharibs Fall im Kontext der „Ehre“ zu sehen ist.

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