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Frauen versklaven Frauen : Die Mütter des Menschenhandels

  • -Aktualisiert am

Cristina sitzt wegen Menschenhandels im Gefängnis. Bild: George Popescu

Sie versprechen Jobs und eine bessere Zukunft: Ein beachtlicher Teil der Menschenhändler in aller Welt sind Frauen. Oft tun sie anderen an, was ihnen selbst widerfahren ist.

          Ich weiß, wie du dich fühlst“, sagt die Frau am Ende der Leitung auf Russisch. „Einfach so in ein anderes Land zu fahren - das kann einem Angst machen.“ Sie spricht schnell und melodisch, duzt mich: Hör zu, sagt sie, du musst das so sehen.

          Sie nennt sich Natascha. In einem russischen Online-Forum bietet sie Jobs in aller Welt an: in Hongkong, der Türkei, in Israel. Bis zu 15.000 Dollar Verdienst für zwei Wochen. Dass ich als Go-go-Girl arbeiten soll, aber nicht tanzen kann - Natascha stört das nicht. Das Ticket nach Zypern will sie mir auslegen. Und am Flughafen? „Sag, dass du Touristin bist. Dann bekommst du keine Probleme.“ In einer Woche könne ich losfliegen. Natascha verspricht, mich abzuholen, sich um mich zu kümmern. „Es ist wichtig, dass jemand da ist, wenn du mal traurig bist oder Heimweh hast“, sagt sie. „Wenn du eine Freundin brauchst.“

          Sanftmut als Geschäftsmodell

          Natascha ist wahrscheinlich eine Menschenhändlerin. Diese Frau sucht wohl kein Go-go-Girl, sondern eine Prostituierte. In Zypern würde sie mir vermutlich den Pass abnehmen, vielleicht plant sie, mich einzusperren. Oder sie übergibt mich nur: einem Zuhälter oder Bordellbesitzer, der an meinem Körper verdienen will. Nataschas weiche Stimme, ihre Offenheit, ihr Lachen sind nur ein Köder.

          Eine russische Expertin hat sich Nataschas Profil angesehen und ihre Jobbeschreibungen studiert. Sie bestätigt die Einschätzung. Doch Natascha klingt so vertraut, dass ich ihr glauben möchte. Ihre Sanftmut ist ihr Geschäftsmodell.

          Fällt das Wort „Menschenhändler“, zeichnet das geistige Auge ein Bild. Man sieht einen hochgewachsenen Mann vor sich: breite Schultern, vielleicht etwas Gel in den Haaren, billige Lederschuhe. Diese Vorstellung ist ein Trugbild. In vielen Fällen sind es nicht Männer, sondern Frauen, die andere Frauen anwerben, verkaufen, versklaven.

          Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechensbekämpfung (UNODC) verglich im Jahr 2014 Statistiken zu Menschenhandel aus 128 Nationen. Das Ergebnis: Im globalen Maßstab gesehen, sind fast ein Drittel der verurteilten Menschenhändler weiblich, bei den Verdächtigen sind es sogar fast 40 Prozent. In Osteuropa und Zentralasien stellen Frauen beinahe 60 Prozent der Verurteilten. In Nigeria sind Schätzungen zufolge nahezu alle Menschenhändler weiblich. Doch das wusste Faith nicht.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Faith trägt ein buntes Kleid und hat die Haare ordentlich gelegt, aber sie lächelt nie und spricht so schnell, als wolle sie ihre Vergangenheit wegreden. Das Fraueninformationszentrum in Frankfurt hat das Treffen arrangiert. Faiths kleiner Sohn stapelt Bauklötze, während seine Mutter alte Geister ruft.

          Faith hat nie einen Beruf gelernt, dafür hat sie acht Brüder und Schwestern. Das Geld reichte noch für die Mittelstufe, ihr Lieblingsfach war Religion. Danach ging Faith ihrer Mutter zur Hand. Gemeinsam führten sie einen kleinen Stand auf dem Markt nahe Benin City, einer Millionenstadt in Nigeria. Schlammige Straßen, Fleisch, das in der Sonne trocknet, gebrauchte Kleidung aus dem reichen Europa. Dazwischen bot Faith Brot feil. Nachts teilte sich die ganze Familie ein Zimmer.

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