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Prozess in Hannover : Frau vor 24 Jahren getötet – Tat verjährt

  • Aktualisiert am

Der Rechtsanwalt der Opfer-Angehörigen (links), und Hubertus Sander, Bruder der getöteten Franziska S., halten am Donnerstag ein Foto der getöteten Franziska in den Händen. Bild: dpa

Kann ein Mann, der seine Frau tötet und jahrzehntelang in einem Fass aufbewahrt, unbehelligt davonkommen? Vermutlich schon – wegen der Verjährungsregelung.

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          Er fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen. Er befürchtet, dass der gewaltsame Tod seiner Schwester ungesühnt bleibt. Fast 25 Jahre nach dem Verschwinden der damals 26-Jährigen tritt Hubertus Sander vor der Presse. „Wir, die Geschwister der getöteten Franziska, sind erschüttert und fassungslos, dass jemand, der solche Schuld auf sich geladen hat, keine Reue und kein Bedauern zeigt, kein Unrechtsbewusstsein hat und ohne Konsequenzen zu spüren, weiterhin in Freiheit leben kann“, sagt der 68 Jahre alte Mann mit leiser Stimme. Sander spricht von seinem Schwager, der ihm jahrelang Lügengeschichten über Franziskas Verbleib aufgetischt hat.

          Nach Überzeugung der Ermittler, die sich 2014 des Vermisstenfalls annahmen, wurde die junge Frau 1992 von ihrem Ehemann getötet. Der Mann hatte sich bei mehreren Vernehmungen in Widersprüche verstrickt und schließlich vor kurzem zugegeben, seine damalige Frau erwürgt zu haben. Danach habe er die Leiche in einem Metallfass eingeschweißt, das er bei seinem Umzug nach Schleswig-Holstein mitnahm. In diesem September entdeckten Polizisten das in einer Garage in Neumünster gelagerte Fass mit den sterblichen Überresten der Frau.

          Derzeit geht die Staatsanwaltschaft Hannover von Totschlag aus, der nach 20 Jahren verjährt. Eine Einstellung des Verfahrens ist daher wahrscheinlich, die Ermittlungen laufen aber noch. „Wir sind bisher nicht in der Lage, die Tat als Mord zu bewerten. Wir haben uns an Recht und Gesetz zu halten“ sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, Thomas Klinge. Dass die Tötung ungesühnt bleibe, sei eine schlimme Vorstellung für die Angehörigen. „Den Hinterbliebenen gilt mein ganzes Mitleid.“

          Der Mann machte beim Verschleiern der Tat Fehler

          Der Beschuldigte ist auf freiem Fuß. Für die Angehörigen des Opfers ist das kaum erträglich, zumal sie schon in den 1990er Jahren die Polizei einschalten wollten, aber abblitzten. Damals hieß es, der Ehemann müsse eine Vermisstenanzeige erstatten. Doch dieser sprach von einer Trennung und erklärte, Franziska sei ins Ausland gezogen. Der Mann habe beim Verschleiern der Tat Fehler gemacht, sagt der Rechtsanwalt der Opfer-Familie, Matthias Waldraff. So habe er eine angeblich von Franziska stammende Postkarte selbst geschrieben und eine falsche Telefonnummer angegeben. „Man hätte nur mal einer Spur nachgehen müssen“, betont Waldraff.

          Die Familie hofft nun mit ihrer ungewöhnlichen Aktion, den Ehemann dazu zu bringen, endlich die ganze Wahrheit zu sagen. Der Polizei präsentierte er den Ermittlungsakten zufolge mehrere Versionen. Demnach gab der 52-Jährige einmal an, Franziska habe sich selbst in der Wohnung erhängt und er habe sie aus Wut darüber, vier oder fünf Tage danach gewürgt. In einer anderen Version berichtete er davon, sie habe sich eine mit Reinigungsbenzin gefüllte Spritze in die Brust gesteckt, sei zu Boden gefallen und habe gezuckt, woraufhin er sie – um ihr Leiden zu beenden – so lange gewürgt habe, bis sie sich nicht mehr gerührt habe. Auf dem Fass in der Garage deponierte er einen Zettel: „Für die Polizei: Inhalt der Tonne ist eine Leiche.“

          Der mutmaßliche Täter habe eine charakterlos erschreckende Persönlichkeitsstruktur, sagt der Sprecher von Franziskas Geschwistern. Sie seien auch um das Wohl der Kinder des Mannes und von deren Mütter ernsthaft besorgt. Auch die Familie rechnet damit, dass das Verfahren gegen den Beschuldigten eingestellt wird.

          „Im Zweifel für den Angeklagten“ gilt auch im Verjährungsrecht

          Hintergrund der Verjährungsregelungen sei, dass nach einer gewissen Zeit Rechtsfrieden und Rechtssicherheit herrschen soll, sagt Stefan Caspari, Mitglied der Großen Strafrechtskommission des Deutschen Richterbundes. Alle von der Straftat Betroffenen – also Täter, Opfer oder deren Angehörige – können und müssen dann mit der strafrechtlichen Aufarbeitung abschließen. Bei einigen schweren Sexualstraftaten wurde der Verjährungsbeginn allerdings auf die Vollendung des 30. Lebensjahres angehoben. Dass die Strafverfolgung bei Mord seit 1979 nicht mehr verjährt, hat Caspari zufolge historische Gründe. Ziel war es, die Morde in der NS-Zeit weiterhin verfolgen zu können.

          Von Forderungen, die Ausnahmeregelung auf Totschlag auszuweiten, hält Strafrechtler Martin Asholt nichts. Es gebe mehrere Gründe für die Verjährungsregelungen, sagte der Professor an der Universität Passau. „Der nachvollziehbarste Grund ist die Beweisvergänglichkeit.“ Es sei schwierig, eine Tat noch Jahrzehnte später nachzuweisen. Der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ greife auch im Verjährungsrecht.

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