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Frankreich : Späte Freisprüche in Kinderschänderprozeß

  • Aktualisiert am

Aus der Haft Entlassene winken der Freiheit zu Bild: Reuters

Schon früher war der Kindschänderprozeß von Saint-Omer als „Justizlotterie“ bezeichnet worden, weil sich Angeklagte als unschuldig erwiesen. Nun sind weitere Verdächtige freigesprochen worden. Sie saßen bereits seit Jahren hinter Gittern.

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          In der Berufung des Kinderschänderprozesses von Saint-Omer sind am Donnerstag sechs Angeklagte freigesprochen worden, die bis zu drei Jahre in Untersuchungshaft saßen. Justizminister Pascal Clement entschuldigte sich bei der Frau und fünf Männern und sprach von einer Justizkatastrophe. Alle Fehler bei den Ermittlungen müßten offen gelegt werden. Die Ermittlungen sollten bis Februar abgeschlossen werden und die zu Unrecht beschuldigten dann eine Entschädigung erhalten.

          Die Angeklagten saßen bereits zwischen 30 Monaten und drei Jahren in Untersuchungshaft. Nach dem Urteilsspruch der Geschworenenjury brach ihm Gerichtssaal Jubel aus, die Freigesprochenen fielen sich in die Arme. Schon vor der Urteilsverkündung hatte ein Anklagevertreter den ungewöhnlichen Schritt getan, sich bei den Angeklagten öffentlich zu entschuldigen. „Wir müssen sicherstellen, daß so etwas nie wieder passiert“, sagte Staatsanwalt Yves Bot.

          Haupttäter entlastet Angeklagte

          Zum Auftakt des Berufungsverfahrens vor vier Wochen hatte die Staatsanwaltschaft dem Gericht ein Schreiben vorgelegt, in dem der Haupttäter Thierry Delay die Kinderschändungen bestätigt, daß die sechs Verklagten unschuldig seien. Er selbst hat keine Berufung gegen seine im Juli 2004 verhängte 20-jährige Haftstrafe eingelegt. Delays Frau Myriam hatte im ersten Prozeß die sechs Angeklagten zunächst belastet, dann unter Tränen die Anschuldigungen als falsch bezeichnet. Dann zog sie diese Aussage wieder zurück und erklärte, die Vorwürfe träfen zu.

          In dem Prozeß ging es um die sexuelle Mißhandlung von 17 Kindern in einem sozialen Brennpunkt von Outreau, einer Vorstadt von Boulogne-sur-Mer. Das Martyrium der Opfer soll sich über Jahre hingezogen haben, und zwar unter Beteiligung von Eltern und anderen nahen Angehörigen. Bei den Ermittlungen kam es zu einer Reihe von Pannen, so daß die Medien schon bald von einem Justizskandal sprachen.

          „Justizlotterie“

          Wegen mangelnder Beweise oder widersprüchlicher Zeugenaussagen kam es schon zuvor zu sieben Freisprüchen, die als „Justizlotterie“ kritisiert wurden. Die sechs am Donnerstag Freigesprochenen haben von Anfang an ihre Unschuld beteuert. Im Berufungsprozeß zogen einige Kinder ihre Anschuldigungen gegen einen Priester zurück, der unter den Berufungsklägern war. Die Anschuldigungen gegen die fünf weiteren Personen erwiesen sich als unglaubwürdig. Insgesamt waren 17 Personen zu Haftstrafen bis zu 20 Jahren verurteilt worden.

          In seinem Schlußplädoyer sagte Staatsanwalt Yves Jannier am Mittwoch: „Ich bin nicht hier um weit hergeholte Anschuldigungen zu unterstützen. Ich bin nicht hier, damit Unschuldige verurteilt werden.“ Manch irrevsersibler Schaden ist allerdings aus den Anklagen entstanden: Einer der Verdächtigten beging im Gefängnis Selbstmord. Andere verloren das Sorgerecht über ihre Kinder.

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