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Prozessbeginn im Fall Irina A. : Geld oder Leben

Mit Blumen und Kerzen formten Freunde und Familie der getöteten Irina A. ein Herz an der Stelle, an der die junge Frau im Frankfurter Niddapark im Mai 2018 tot aufgefunden wurde. Bild: Helmut Fricke

Im Mai 2018 wurde die Moldauerin Irina A. in Frankfurt getötet. Von Dienstag an steht ihr mutmaßlicher Mörder vor Gericht – und vieles an dem Fall ist höchst ominös.

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          Ein paar Tage bevor der Prozess um ihre Ermordung beginnt, erinnert im Frankfurter Niddapark nichts mehr an Irina A. Dort, wo am frühen Morgen des 9. Mai 2018 ein Spaziergänger ihren leblosen und blutüberströmten Körper fand, ist jetzt nur noch ein Stück Wiese. Über das borstige Gras spazieren am Vormittag gemächlich ein paar Rentner mit ihren Hunden, ab und zu fährt jemand auf dem Fahrrad vorbei. Wer nicht weiß, was hier vor etwas mehr als einem Jahr geschehen ist, der würde nie auf den Gedanken kommen, dass dieser friedliche Ort eine solche Geschichte hat.

          Anna-Sophia Lang

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In den Tagen nach Irina A.s Tod – als die Zelte der Spurensicherung abgebaut und die zwei Fußballfelder große Absperrung aufgehoben war – hatten Bekannte, Freunde und Fremde Kerzen aufgestellt und Blumen abgelegt. Rote, weiße und gelbe, Lilien, Rosen und andere, und jemand hatte gerahmte Bilder der Frau dazugestellt, die doch noch viel zu jung war, um aus dem Leben zu gehen. Gerade einmal 29 Jahre alt, noch dazu Mutter von zwei kleinen Kindern.

          Auch für die Ermittler schwer zu ertragen

          Nur zwei Tage nach dem Fund ihrer Leiche verhaftete die Polizei einen Verdächtigen: Jan M., eine schillernde Figur der Frankfurter Gastronomie- und Clubszene. Kriminaltechniker hatten Blutspuren des heute 51-Jährigen am Tatort gefunden. An das Alibi, das ihm eine Bekannte zunächst gegeben hatte, glaubten die Ermittler später nicht mehr. M. sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Im März dieses Jahres erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn. Sie wirft ihm Mord und Raub mit Todesfolge vor, als Mordmerkmale sieht sie Habgier und Heimtücke. Er soll, so steht es in der Anklageschrift, Irina A. mit mindestens 21 kräftigen Stichen in Kopf, Brust und Nacken getötet haben. Die Stiche führten zu einer Durchtrennung der Halsadern und infolge des Blutverlustes und einer Lungenembolie zu ihrem Tod.

          M. soll die Frau am Abend des 8. Mai in den Niddapark gelockt haben. Auf einer Parkbank soll er sie dann attackiert und anschließend auf eine angrenzende Wiese gezogen haben, wo er ihre Uhr, einen Diamantring und die Fahrzeugschlüssel geklaut haben und geflüchtet sein soll. Das Bild, das sich am Tatort bot, war selbst für die erfahrenen Ermittler schwer zu ertragen. Der Täter sei mit extremer Brutalität vorgegangen, hieß es. So extrem, dass das Gesicht der Toten nicht mehr erkennbar war.

          Am Dienstag beginnt der Prozess gegen Jan M., und es wird ein langer werden. Fünf Sachverständige und 30 Zeugen hat die 21. große Strafkammer des Frankfurter Landgerichts geladen, aber vermutlich werden weitere dazukommen. Bislang wollen die Richter die Sache an 17 Tagen bis in den Januar hinein verhandeln.

          Gemeinsam täuschten sie die Medien

          Es gibt einen einfachen Grund, warum dieser Fall, der auf den ersten Blick nur lokale Relevanz hat, so viel Aufmerksamkeit erregt hat. Sogar über die Bundesrepublik hinaus. Fünf Wochen nach Silvester 2016 wandten sich Jan M., der damals die Bar „First In“ auf der Frankfurter Freßgass’ betrieb, und sein späteres mutmaßliches Opfer Irina A. an die „Bild“-Zeitung. Dort erzählten sie von „50 Arabern“, die in der Bar Frauen belästigt hätten. „37 Tage nach Silvester brechen Opfer ihr Schweigen – Sex-Mob tobte in der Freßgass’“, titelte die Zeitung.

          Irina A. wird in dem Artikel, neben dem sie mit einem großen Foto zu sehen ist, als Kollegin von M. bezeichnet und erzählt, sie könne froh sein, eine Strumpfhose getragen zu haben. „Sie fassten mir unter den Rock, zwischen die Beine, an meine Brüste, überallhin.“ Jan M. berichtete, mehrere Frauen hätten ihn um Hilfe gebeten; die Rede ist von „hochaggressiven“ Nordafrikanern, die herumgeschrien und betrunken Stühle und Flaschen geworfen hätten. Im Frühstücksfernsehen von Sat 1 wiederholten die beiden wenig später ihre Vorwürfe.

          Schnell stellte sich jedoch heraus, dass die Geschichte ausgedacht war. Irina A. war während der angeblichen Ereignisse gar nicht in Frankfurt. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen des Vortäuschens einer Straftat gegen M. und A., „Bild“ entschuldigte sich. Sogar „Washington Post“ und „New York Times“ berichteten darüber. Das Strafverfahren hätte im Juni 2018 eröffnet werden sollen – doch da war Irina A. schon tot. Es ist inzwischen eingestellt worden, überschattet von dem Mordvorwurf gegen M.

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