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Niederlande : Warum kommt der frühere Fernsehmoderator Masmeijer vorzeitig frei?

Frank Masmeijer und sein Anwalt vor dem Gericht in Amsterdam. Bild: EPA

Zu neun Jahren Haft war Frank Masmeijer verurteilt worden, wegen eines schweren Falls von Kokainschmuggel. Der niederländische König erlässt ihm jetzt anderthalb Jahre hinter Gittern. Das führt zu Kritik, unter anderem von der Polizei.

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          Frank Masmeijer konnte sein Glück selbst kaum fassen. „Ich dachte, es sei ein Scherz“, sagt der ­frühere niederländische Fernseh­moderator über den Augenblick, in dem er von seiner vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis erfuhr. Zu neun Jahren Haft war er 2017 in ­Belgien verurteilt worden, der Höchststrafe für Kokainschmuggel in einem besonders schweren Fall. Ende vergangenen Jahres wurde er für die ­letzten zwei Jahre seiner Haftstrafe in ein niederländisches Gefängnis verlegt. Ende Juni wurde er begnadigt und noch am selben Abend freigelassen. Der Rest des Landes erfuhr davon erst am Mittwoch, weil Masmeijer seine Geschichte der Boulevard-Zeitschrift „Privé“ erzählt hat.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Die Reaktion der Polizei und das Echo in vielen Kommentaren fallen weniger begeistert aus. Er habe zahlreiche Anrufe und Nachrichten von wütenden Beamten erhalten, teilte Jan Struijs mit, der Vorsitzende der niederländischen Polizei­gewerkschaft. Die Betreffenden verstünden nicht, „warum sie zusammen mit Hunderten anderer Kollegen täglich das Risiko eingehen, den Drogen­handel ein­zudämmen, während ein verurteilter Drogenschmuggler ohne eindeutige Begründung begnadigt wird, damit er einen großen Teil seiner Strafe nicht absitzen muss“.

          Genau genommen, sind es anderthalb Jahre Haft, die dem 60 Jahre alten Masmeijer erspart bleiben. Die Gründe dafür liegen im Dunkeln. Der Mann, der in den Achtziger- und Neunzigerjahren durch mehrere Fernsehsendungen („Holidayshow“) be­kannt geworden war , hatte zwar einen Antrag auf Begnadigung gestellt, doch hatten ihm seine Anwälte gesagt, wie er nun erzählt, dass seine Chance „gleich null“ sei.

          Freilassung aus familiären Gründen?

          Auch sein früherer Straf­verteidiger Carry Knoops zeigte sich zunächst „überrascht“; normalerweise sei so etwas nur bei zwingenden familiären Gründen oder schwerer Krankheit möglich – worüber Masmeijer nichts berichtete. Bei einem späteren Fernsehauftritt sagte Knoops, in diesem Fall hätten „Ereignisse in seinem familiären Umfeld, die sich infolge und während der Haft ergaben“, den Ausschlag gegeben.

          Der Antrag wurde von einem Richter und dem linksliberalen Justizminister Franc Weerwind befürwortet, während ihn die Staatsanwaltschaft ab­lehnte. Unterschrieben wurde er – wie stets – von König Willem-Alexander. Der wiederum hatte in seiner jüngsten Thronrede eindringlich über die Gefahr gesprochen, dass die Gesellschaft durch mächtige Drogenbanden untergraben werde.

          Das Land steht unter dem Eindruck von Rachemorden und mehreren ­Prozessen gegen Mitglieder der so­genannten Mocro-Mafia, insbesondere deren Paten Ridouan Taghi. Mit dem stand Masmeijer nicht in Kontakt. Aber er wurde 2014 von der belgischen Polizei wegen des Schmuggels von 467 Kilogramm Kokain festgenommen. Gemäß seiner Verurteilung im Jahr 2017 gehörte er einer kriminellen Vereinigung von 25 Personen an, die versucht hatten, Kokain aus Südamerika über den Hafen von Antwerpen nach Belgien zu schmuggeln.

          Ware in Bananenkisten versteckt

          Die Ware mit einem Straßen­ver­kaufs­wert von 23 Millionen Euro war in Paletten mit Bananenkisten versteckt. Masmeijer fälschte Frachtpapiere und wollte die Lieferung mit seinem Wagen im Hafen abholen, vorgeblich um sie zum Obsthandel einer Verwandten zu fahren. Allerdings ­hatte der Zoll Verdacht geschöpft. Masmeijer kam in Untersuchungshaft und bestritt eine Beteiligung. 2017 wurde er dann zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt, die im Berufungsverfahren auf die Höchststrafe von neun Jahren erhöht wurde. Außerdem musste er eine Geldstrafe von 90.000 Euro entrichten.

          Nach Angaben des niederlän­di­schen Justizministeriums wurden im vorigen Jahr 131 Begnadigungen ge­währt, davon 30 unter Auflagen. 320 Anträge wurden abgewiesen. Begründungen werden dazu nicht mitgeteilt, auch im Fall Masmeijer ist das so.

          In den Medien wird nun darüber spekuliert, ob es sich um eine Vorzugsbehandlung aufgrund seiner früheren Prominenz handle. Verwiesen wird auch darauf, dass Haftstrafen für Rauschgifthandel in Belgien höher und die Bedingungen in den Gefängnissen schlechter seien als in den ­Niederlanden.

          Der Zeitschrift „Privé“ sagte Masmeijer, er wolle nun ein ­neues Leben beginnen, Geld ver­dienen und seine Fernsehkarriere fortsetzen. Die hatte 1994 jäh geendet, nachdem heraus­gekommen war, dass in einer von ihm moderierten Show ein persönlicher Freund eine Traumreise gewonnen hatte.

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