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Sexuelle Ausbeutung : Wie Joyce an Menschenhändler geriet

Immer wieder werden minderjährige Flüchtlinge Opfer von Prostitution und Menschenhandel (Archivbild). Bild: epd-bild/Volker Hoschek

Sie verlassen ihre Heimat in der Hoffnung auf ein besseres Leben und enden im Albtraum: Von den minderjährigen Flüchtlingen, die verschwinden, fallen viele Kriminellen in die Hände – am Ende steht die Prostitution.

          Als Joyce sich auf die Bank in einem Dortmunder Hinterhof setzt, ist es mitten in der Nacht. Graffiti ziehen sich über die Mauern der Einfahrt, durch die sie gekommen ist, die Rutsche einer Kindertagesstätte steht einsam in einem kleinen Garten, am Nebenhaus weist ein großes Schild auf den Treffpunkt einer Selbsthilfegruppe hin. Der Name „Mitternachtsmission“ steht dagegen ganz klein auf einem Klingelschild ein Haus weiter. Der Verein kümmert sich um minderjährige Prostituierte und Opfer von Menschenhandel. Joyce, 17 Jahre alt, wurde von einem Mann hergeschickt, den sie am Hauptbahnhof um Hilfe gefragt hatte. Sie sei auf der Flucht vor Menschenhändlern, hatte sie ihm erklärt.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die Mitarbeiterinnen der Mitternachtsmission treffen morgens immer wieder traumatisierte Mädchen und junge Frauen, die im Hinterhof warten, sagt die Leiterin Andrea Hitzke. Das jüngste Mädchen, um das sich der Verein 2015 kümmerte, war 13 Jahre alt. Die Jugendlichen kommen nicht nur aus Dortmund. „Wir sind der einzige Verein in Deutschland, der sich gezielt um minderjährige Mädchen in der Prostitution kümmert“, sagt Hitzke.

          Dann erzählt die Sozialarbeiterin die Geschichte von Joyce, die eigentlich anders heißt: Mit 17 Jahren sei sie aus einem kleinen Ort im afrikanischen Land Gambia geflohen. „Ihre Familie wollte sie verheiraten und vorher zum zweiten Mal beschneiden lassen“, sagt Hitzke. „Joyce lief von zu Hause weg und geriet an Menschenhändler.“ Sie erklärten dem Mädchen, es könne in Europa eine Ausbildung machen und Arbeit finden. Bezahlen müsse es für die Reise erst später.

          Endstation Zwangsprostitution

          Joyce lässt also ihre Familie zurück und zieht durch die Wüste in Richtung Europa. Schon auf dem Weg wird sie von ihren vermeintlichen Helfern vergewaltigt, in Libyen dann zur Prostitution gezwungen. Als sie genug Geld verdient hat, schickt man sie auf ein Boot. Sie erlebt, wie eine Frau über Bord geht und ertrinkt. An der italienischen Küste wartet eine neue Zuhälterin. Erst als Joyce schwanger wird, ergreift sie die Flucht und landet schließlich in Dortmund auf der Bank in dem dunklen Hinterhof.

          Meike Serger (rechts) und Sozialarbeiterin Hanna Biskoping kümmern sich um Kinder und Jugendliche, die zur Prostitution gezwungen wurden.

          Auf die meisten Mädchen stoßen die Dortmunder Sozialarbeiterinnen nicht auf dieser Bank, sondern auf ihren Touren, die sie nachts durch Diskotheken, Kneipen und auf dem Straßenstrich machen. Viele Kontakte kommen außerdem durch die Präventionsarbeit an Schulen und in Jugendgruppen zustande. Die Kriminalitätsstatistik 2015 weist zwar nur 147 Fälle von Prostitution Minderjähriger in Deutschland aus. „Aber die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher“, sagt Hitzke. Das sehe man schon daran, dass 2012 noch 125 minderjährige Prostituierte die Unterstützung der Mitternachtsmission genutzt hätten, 2015 aber nur 55. Warum? „2012 hatten wir 1,5 Stellen für den Bereich, jetzt sind es nur noch 0,5“, sagt Hitzke. „Leider bekommen wir für diesen Bereich keine öffentlichen Fördermittel. Wir sind auf Spenden und Stiftungen angewiesen.“

          Dabei gibt es in Deutschland immer mehr potentielle Opfer für Menschenhändler. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen geht hervor, dass 2015 in Deutschland etwa 6000 minderjährige Flüchtlinge aus den Augen der Behörden verschwunden sind. Die Regierung verwies auf Erfahrungen der Kommunen, dass manche Jugendliche auf eigene Faust in andere Länder weitergereist seien. Die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen, Luise Amtsberg, kritisierte, die Bundesregierung ziehe die Gefahren durch Zwangsprostitution nicht ernsthaft in Betracht.

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