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Prozess in Berlin : Der Flüchtlingsstrom erreicht die Gerichtssäle

Amal W. hätte im Gerichtssaal Details benennen müssen

Das, was man als Scheitern dieses Verfahrens bezeichnen könnte, findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nach und nach hatte Amal W. ihren Vertrauten in der Flüchtlingsunterkunft erzählt, dass ihr gewalttätiger Mann sie auch zum Sex gezwungen habe. Laut Anklage geht es um vier Vergewaltigungen, zu denen es im Januar im Wohnheimzimmer der Familie gekommen sein soll. Bei der Polizei muss Amal W. die Vorfälle so geschildert haben, dass alle Kriterien für eine Verurteilung erfüllt schienen. Vor Gericht bleibt davon nichts übrig. Mehr als sechs Stunden lang wird die junge Frau befragt, aus Rücksicht auf ihre Intimsphäre müssen Journalisten und Publikum den Saal verlassen. Es muss trotzdem eine Quälerei gewesen sein.

Nicht erst seit dem Kachelmann-Verfahren und dem Prozess um TV-Sternchen Gina-Lisa Lohfink ist bekannt, dass die Aussage des mutmaßlichen Opfers entscheidend ist für die Verurteilung von Vergewaltigungen in Beziehungen. Wie schwer es sein mag für eine gerade eingereiste Frau aus dem arabischen Raum, diesen Standard zu erfüllen, kann man sich vorstellen, als die Sprachmittlerin aus dem Hotelwohnheim als Zeugin befragt wird. Ihr hat Amal W. sich anvertraut. Jetzt stammelt die eloquente junge Frau herum. Seit zwanzig Jahren lebt sie in Deutschland, sie trägt knallenge Jeans und die Locken wie eine Mähne. Das Wort Geschlechtsverkehr jedoch will ihr kaum über die Lippen. Dann redet sie wieder um den heißen Brei herum.

Amal W. jedoch hätte Details benennen müssen – in diesem ehrwürdigen Gerichtssaal. Vor männlichen Richtern in schwarzen Roben und einem männlichen Staatsanwalt, vermittelt durch einen männlichen Dolmetscher. In Anwesenheit des Mannes, vor dem sie bis heute zittert. Ihre Angaben wirken beliebig, passen nicht zur Anklage, widersprechen sich. Irgendwann soll sie abgewunken haben: „Ich schäme mich so sehr, ich kann zu diesen Dingen nichts sagen.“

Verteidigerin will auf Bewährungsstrafe hinaus

Niemand würde Amal W. der Lüge bezichtigen. Staatsanwalt und Nebenklage äußern sich sogar überzeugt, dass es sexuelle Übergriffe sehr wohl gegeben habe. Abdul A. bestreitet das zwar. „Sie ist die Mutter meiner Kinder, meine Ehefrau – wie soll man sie vergewaltigen?“, fragt er. Aber er hält es prinzipiell für normal, dass Männer von ihren Frauen Sex verlangen. Außerdem gibt es Hinweise, dass er schon in Syrien gewalttätig war. Allein: Für eine Verurteilung reicht das nicht. Daran hätte vermutlich auch die jüngste Verschärfung des Sexualstrafrechts nach dem Prinzip „Nein heißt nein“ nichts geändert.

Und die anderen Vorwürfe? Häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung sind beileibe kein Phänomen, das vor allem in Flüchtlingsunterkünften vorkäme. Nach neuesten Zahlen sind im vergangenen Jahr mehr als 100000 Frauen in Deutschland Opfer von Partnerschaftsgewalt geworden. Aber wie ist es zu bewerten, wenn die Täter Männer sind, die erst seit kurzer Zeit hier leben und aus Regionen und Bevölkerungsschichten stammen, die von patriarchalen Strukturen geprägt sind? Gibt es dafür den vielkritisierten „kulturellen Rabatt“?

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