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Prozess in Berlin : Der Flüchtlingsstrom erreicht die Gerichtssäle

Dem Gericht gegenüber tritt Abdul A. mit fast unterwürfiger Höflichkeit auf. Aber sobald es um seine Beziehung und seine Vorstellungen von einer guten Ehe geht, wird es diffus. Einerseits fallen hehre Sätze à la: „In der Liebe gibt es keine Gewalt.“ Andererseits gibt er offen zu, seine Frau im Streit geohrfeigt zu haben. Einerseits wirkt Abdul A. wie jeder gekränkte Ehemann, der sich in den Wahn seiner Eifersucht hineingesteigert hat. Andererseits schimmert durch, wie sehr er damit im Recht zu sein glaubt, als gehöre seine Frau tatsächlich ihm. Und es wird deutlich, was es für einen Mann wie ihn bedeutet, plötzlich in einem Land zu leben, wo die Gattin lernt, dass Gewalt in der Ehe verboten ist und Frauen ihre Männer verlassen dürfen.

„Man hat ihr das schmackhaft gemacht“, schimpft Abdul A.: „,Hier wirst du versorgt! Kriegst Essen! Eine Wohnung!‘ Das hat sie verändert. In meiner Heimat war sie respektabel und hat mich auch respektvoll behandelt. Als wir in dieses Land gekommen sind, hat sie sich von mir abgewandt. Und das ist nicht nur bei mir so. Das höre ich von vielen syrischen Flüchtlingen.“ Direkt nach seiner Verhaftung gab er zu Protokoll: „Ich will, dass es wieder ist wie früher.“ Migration war schon immer zuallererst eine Herausforderung für die Migranten. Fast könnte der Mann einem leidtun.

Der Angeklagte sei weder psychisch krank noch vermindert schuldfähig

Dann tritt auch noch der vermeintliche Nebenbuhler in den Zeugenstand, weil er den Wutanfall vor der Essensausgabe miterlebt hat. Ein Showdown zwischen arabischen Männern in einem deutschen Gericht? „Ich versichere, dass hier nichts passieren wird“, sagt Abdul A., als beide Männer für den Blick auf eine Skizze an den Richtertisch treten müssen. Ein Justizwachtmeister schiebt sich zwischen sie. Der Nebenbuhler ist ein verwittertes Männlein Mitte vierzig mit grau durchwirktem Bart.

Pikant ist, dass er Amal W. inzwischen nach islamischem Recht geheiratet hat. Es heißt, dass die Beziehung erst nach den Ereignissen vom April begonnen habe. Der Mann habe Amal W. mit ihren drei kleinen Kindern unterstützt, die Ehe schütze sie auch im Heim. Trotzdem lächelt Abdul A. versonnen, als habe er es immer gewusst. „Wenn ich seine Frau aus seinen Händen wegziehen würde, was würde er sagen?“, fragt er: „Wie kann er sich erlauben, so etwas zu tun?“

Abdul A. ist der Sohn eines Bauern aus der syrischen Provinz und selbst als Kind verprügelt worden. Drei Jahre Schule, dann Bauhelfer, später arbeitete er als Elektriker. Amal W., seine zweite Frau, lernte er auf einer Feier kennen und entführte sie mit deren Einverständnis: Weil die junge Frau bereits ein Kind hatte, war sie von ihrer Familie eingesperrt worden. Die Hochzeit erfolgte nach islamischem Recht. Der Gerichtspsychiater sagt über Abdul A.: „Er hat, gemessen an diesen ungünstigen Ausgangsbedingungen, doch eine recht stabile Lebenssituation schaffen können.“ Der Angeklagte sei weder psychisch krank noch vermindert schuldfähig. Lediglich ein „aufbrausendes Temperament“ attestiert der Sachverständige, wobei Flucht und Lebensumstände in Deutschland diesen Charakterzug akzentuiert hätten.

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