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Prozess in Berlin : Der Flüchtlingsstrom erreicht die Gerichtssäle

Aber an diesem Abend ist er in Rage. Zeugen berichten, jemand habe ihn zurechtgewiesen, weil er vor den Kindern Schimpfwörter benutzt habe. Seine Rechtsanwältin argumentiert mit der angespannten Lage in der Heimat und den Lebensumständen im Hotel. Abdul A. behauptet, ein Nebenbuhler habe sich seiner Frau genähert. Als jedenfalls sein ältester, dreieinhalb Jahre alter Sohn weint und schreit, reißt Abdul A. das Kind in die Höhe und donnert es auf den Steinboden. Security, Kinderklinik, massive Aufregung im Flüchtlingsheim. Reines Glück, dass der Junge keine schweren Verletzungen erleidet.

Liebesschwüre im Wechsel mit Drohungen

Die Betreiber der Unterkunft reagieren schnell, konsequent und klug. Abdul A. bekommt Hausverbot und muss in eine Massenunterkunft umziehen. Für die übrigen Bewohner wird eine Vollversammlung anberaumt als Crashkurs in Sachen Wertevermittlung. Weil sich Abdul A. nach seiner Frau und den Kindern sehnt, wird eine Art begleiteter Umgang improvisiert: Familienzusammenführung unter Aufsicht von Dolmetschern, Sozialarbeitern, Heimleitung. Allerdings hat Amal W. inzwischen begonnen, sich den Fachkräften in der Hotelunterkunft anzuvertrauen. Plötzlich wird klar, dass die blauen Flecken, mit denen sie gelegentlich auffiel, nicht daher stammten, dass ihr Sohn mit Gegenständen um sich schmiss. „Ich kann nicht mehr“, gesteht sie einer Sprachmittlerin. Sie hat Angst vor ihrem Mann und will die Trennung.

Als die begleiteten Treffen abgesetzt werden, erscheint Abdul A. auf der Straße vor dem Flüchtlingshotel. Um seine Frau unter Druck zu setzen, schlitzt er sich die Pulsadern auf. Der Mann wird aus dem Krankenhaus direkt in die Psychiatrie gebracht, jedoch schnell wieder entlassen. Friedrich Kiesinger, Chef des Heimbetreibers Albatros, sagt vor Gericht: „Wir hatten den Eindruck, dass er die Frau angreifen wird. Leider haben die Psychiater das nicht so gesehen.“

Nun ist eine Flüchtlingsunterkunft kein Gefängnis, und auch Amal W. bleibt trotz Warnungen der Sozialarbeiter nicht im Gebäude. Ihr Mann telefoniert ihr hinterher und schickt Nachrichten: Liebesschwüre im Wechsel mit Drohungen. Mal fleht er sie an. Mal wird er aggressiv. Er sagt, er habe viel falsch gemacht. Dann wieder wirft er ihr vor, sie gehe fremd. Und Abdul A. hat Bekannte im Hotel, die ihn mit Informationen versorgen. Ein, zwei Vollversammlungen zum Thema Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit verändern schließlich keine Weltbilder. „Arabische Frauen, die sich wehren gegen Übergriffe, gelten innerhalb der Einrichtung als jemand, der seinen eigenen Mann verraten hat“, erklärt Heimbetreiber Kiesinger dem Gericht.

Diffuse Antworten auf Fragen nach Ehe und Beziehung

Am 28. April überrascht Abdul A. seine Frau und die Kinder bei einem Ausflug und fährt mit ihnen in den Görlitzer Park. Vor Gericht behauptet er, sie habe ihm dort ihr Verhältnis mit dem besagten Nebenbuhler gestanden. Wahrscheinlicher ist, dass er ein Geständnis aus ihr herausprügeln wollte. Jedenfalls drischt er auf sie ein, bis Passanten einschreiten und Amal W. mit blutverschmiertem Gesicht, Schädel-Hirn-Trauma und gelockerten Schneidezähnen ins Krankenhaus gebracht wird. Die Kinder haben alles mitangesehen. „Nein, Papa, nein!“, soll der Älteste geschrien haben.

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