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Razzia in NRW : Clan-Familie residierte als Sozialhilfeempfänger in Villa

Leverkusen: Polizisten stehen vor einer Villa, während zwei Personen mit Decken über dem Oberkörper das Gelände verlassen. Bild: dpa

Spezialkräfte der Polizei haben am Dienstag vier Tatverdächtige in ihrer Villa in Leverkusen festgenommen. Innenminister Herbert Reul sagte, bei dem Hauptbeschuldigten handele es sich um „einen der absoluten Top-Leute der Clan-Kriminalität in NRW“.

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          In Nordrhein-Westfalen sind Staatsanwaltschaft und Polizei mit einer Großrazzia gegen einen kriminellen Familienclan vorgegangen. Rund 600 Beamte durchsuchten 31 Häuser, Wohnungen und Geschäftsräume im Bergischen Land, im Rheinland und im Ruhrgebiet und stellten Beweismittel und Vermögenswerte wie Bargeld, Fahrzeuge, Schmuck von mehr als einer Million Euro sowie Waffen sicher. In Leverkusen war auch ein Polizeipanzer im Einsatz, mit dem sich die Beamten Zugang zur umzäunten Villa des Hauptbeschuldigten verschafften, eines ranghohen Mitglieds des in mehreren deutschen Städten aktiven Al-Zein-Clans.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der 46 Jahre alte Mann, seine vier Jahre jüngere Frau und ihre beiden 24 und 28 Jahre alten Söhne wurden verhaftet. Den Clan-Mitgliedern werden unter anderem bandenmäßiger Betrug, Geldwäsche und Sozialbetrug vorgeworfen – die Beschuldigten sollen über Jahre zu Unrecht Sozialleistungen in sechsstelliger Höhe bezogen haben; allein in der Villa wurden nach Polizeiangaben am Dienstag 290.000 Euro Bargeld sichergestellt.

          Nach Angaben des Landeskriminalamts war „die Papierlage extrem sauber“, für das zuständige Jobcenter sei es schwer gewesen, den Betrug zu entdecken. Nach Erkenntnissen der Ermittler hat die Familie versucht, durch Investitionen in Immobilien und Kleinbetriebe wie Barbershops, den Autohandel oder in Medizinprodukte Geld zu waschen. Zudem stießen die Fahnder auf 19 bereits unterschriebene und abgestempelte Blanko-Nachweise von Corona-Tests. Den Hauptbeschuldigten verdächtigen die Ermittler, als „Schlichter“ an einer „Paralleljustiz“ zur internen Klärung von Streitigkeiten zwischen Clan-Familien beteiligt gewesen zu sein. Federführend bei den Ermittlungen waren das LKA und die Zentralstelle für die Verfolgung Organisierter Straftaten (ZeOS) bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf.

          „Ein Schlag gegen die erste Liga der Clan-Kriminalität“

          Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte, bei dem Hauptbeschuldigten handele es sich um „einen der absoluten Top-Leute der Clan-Kriminalität in NRW“. „Wir haben ihn nicht nur festgenommen, sondern ihm auch sein Zuhause weggenommen. Das ist heute ein Schlag gegen die erste Liga der Clan-Kriminalität.“ Die Leverkusener Villa, deren Wert auf eine Million Euro geschätzt wird, werde nun im Grundbuch dem Staat übertragen und die Familie ausgetragen. Reul sprach von einem „großartigen Tag“ im Kampf gegen die Clan-Kriminalität. Mit dem Einsatz gehe es um mehr als unversteuerten Tabak, sagte Reul in Anspielung auf Razzien, die seit einigen Jahren in NRW gegen von Clans betriebene Shishabars im Rahmen der „Politik der 1000 Nadelstiche“ stattfinden. „Heute geht es den Clans an die Existenz.“

          Dank der Nadelstich-Politik sei man den Clans in den vergangenen Monaten und Jahren Stück für Stück mehr auf die Pelle gerückt. „Mit jedem Einsatz dringen wir tiefer in den kriminellen Sumpf und in die Schattenwelt der Clans ein.“ Die seit 2017 amtierende schwarz-gelbe Landesregierung hat den Kampf gegen kriminelle Clans zu einem innenpolitischen Schwerpunktthema gemacht. Seit zwei Jahren erarbeitet das LKA Lagebilder zur Clan-Kriminalität. Im Jahr 2019 waren rund 6100 Straftaten von 111 türkisch-arabischen Clans registriert worden. Allein dem Al-Zein-Clan werden im jüngsten Lagebild 227 Tatverdächtige zugerechnet, die für 441 Straftaten verantwortlich sein sollen.

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