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Fall der isolierten Familie : „Fassungslosigkeit und Ohnmacht“ in Ruinerwold

Der abgelegene Hof, auf dem die Familie jahrelang gelebt haben soll. Bild: dpa

Warum lebte die im niederländischen Ruinerwold entdeckte Familie isoliert von der Außenwelt? Die Polizei untersucht, ob eine bestimmte Religion oder Philosophie die Ursache für die Lebenssituation auf dem Hof war.

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          Am späten Donnerstagabend steht Roger de Groot in der Garage eines Polizeihochhauses in der niederländischen Gemeinde Assen und beantwortet Fragen. De Groot ist Bürgermeister des 50 Kilometer entfernt liegenden Ortes Ruinerwold, dort wurde in dieser Woche auf einem verlassen wirkenden Bauernhof eine Familie gefunden, die dort offenbar seit neun Jahren vollkommen isoliert lebte. Anfang der Woche war der Mieter des Hofs verhaftet worden – und am Donnerstag dann der mutmaßliche Familienvater, der in dem Haus gemeinsam mit sechs Kindern gehaust hatte. Die Männer werden der Freiheitsberaubung, Misshandlung und Geldwäsche verdächtigt.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Was denkt der Bürgermeister über den Fall? „Ich mache mir Sorgen um die Menschen in Ruinerwold“, sagt de Groot. „Eigentlich ist das eine sehr enge Gemeinschaft, jeder kennt jeden. Die Leute verstehen deswegen nicht, wie das vor ihren Augen passieren konnte.“ Bei einer Bürgerversammlung in dieser Woche habe er die Menschen über den Ermittlungsstand informiert. „Und die Leute konnten über ihre Gefühle sprechen. Am wichtigsten für sie ist es jetzt, Antworten zu bekommen: Wie konnte das passieren?“

          „Sie können sprechen und schreiben“

          Für Antworten dieser Art ist am Donnerstagabend nicht de Groot zuständig, sondern eine Polizeisprecherin. Sie steht in einer anderen Ecke der kalten Garage und liest die Pressemitteilung vor, wegen der hier zu später Stunde noch mal viele Journalisten aufgetaucht sind: „Heute haben wir einen zweiten Verdächtigen in der Ruinerwold-Untersuchung festgenommen. Es ist der Vater, der auf dem Hof gefunden wurde, die anderen sechs Personen sollen seine Kinder sein.“ Sie sind angeblich zwischen 18 und 25 Jahre alt, allerdings sind sie nicht in der niederländischen „Personal Records Database“ registriert, deswegen werden die Identitäten weiter überprüft.

          „Wir haben Grund zu der Annahme, dass die Kinder nicht freiwillig in dem Haus geblieben sind“, sagt die Sprecherin. Der Vater wird der Misshandlung verdächtigt, weil er ihnen möglicherweise ärztliche Versorgung vorenthalten habe. Auf dem abgelegenen Hof in der Provinz Drenthe fanden die Ermittler auch eine große Summe Bargeld. Da die Herkunft nicht bekannt ist, wird der Vater der Geldwäsche verdächtigt. Was über die Mutter der Kinder bekannt ist? „Sie soll 2004 gestorben sein, bestätigt ist das aber noch nicht“, sagt die Sprecherin.

          Dann räumt sie noch mit einigen Legenden auf: Die sechs Personen sprechen nicht nur in einer Phantasiesprache, wie es in manchen Berichten hieß. „Sie können sprechen und schreiben, und beides können sie gut.“ Der mutmaßliche Vater sei nicht 58 Jahre alt, wie gestern berichtet, sondern 67 – und dass er nach einem Schlaganfall bettlägerig ist, will die Polizeisprecherin auch nicht bestätigen: „Er hat gesundheitliche Probleme, mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Er soll Berichten zufolge jetzt im Keller dieses Polizeihochhauses in Assen inhaftiert sein, im selben Zellentrakt wie der 58 Jahre alte Josef B., der aus Österreich stammende Mieter des Hofes. Der war am Montag zunächst wegen Behinderung der polizeilichen Ermittlungen festgenommen worden. Mittlerweile werden auch ihm Freiheitsentzug und Geldwäsche vorgeworfen, am Donnerstag wurde der Haftbefehl erlassen.

          Die Polizei untersucht, ob eine bestimmte Religion oder Philosophie die Ursache für die Lebenssituation auf dem Hof ist. Zumindest der Vater der Kinder war Mitglied einer Sekte. Ein Sprecher der sogenannten Vereinigungskirche des selbst ernannten und bereits verstorbenen koreanischen „Messias“ Sun Myung Moon bestätigte, dass der Mann vor Jahren Mitglied gewesen sei. Laut „De Telegraaf“ sagte ein Verwandter des Vaters, dass die Sekte den heute Verdächtigen bereits vor 30 Jahren wegen seiner „wahnwitzigen Ideen“ ausgeschlossen habe.

          Zu der Familie sollen noch drei weitere Kinder gehören. Sie seien bereits vor acht Jahren geflohen, hieß es in einer Erklärung von Angehörigen, die niederländische Medien veröffentlichten. Demnach hatte der Vater schon vor Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Ein 25 Jahre alter Sohn hatte den Fall überhaupt erst ans Licht gebracht , als er am Sonntagabend in der Dorfkneipe in Ruinerwold um Hilfe bat. Seitdem herrscht laut Bürgermeister de Groot in dem Ort „Fassungslosigkeit und Ohnmacht“.

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