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Familienvater gesteht : „Mirco war ein absolutes Zufallsopfer“

Kerzen und Kuscheltiere zum Gedenken an der Stelle, an der Mircos Kleidung gefunden worden war Bild: dapd

Mirco ist einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen. Der 46 Jahre alte Familienvater Olaf H. aus der Nachbargemeinde hat gestanden. Er führte die Ermittler zur Leiche des zehnjährigen Jungen. Die Mordtat soll er aus Frust über Stress im Beruf begangen haben.

          Als Ingo Thiel, der Leiter der Sonderkommission Mirco, am Freitag um kurz vor 11 Uhr gemeinsam mit fünf Kollegen von Polizei und Staatsanwaltschaft den mit Journalisten und Kamerateams überfüllten großen Versammlungsraum des Mönchengladbacher Polizeipräsidiums betritt, erheben sich die hinteren Reihen spontan und applaudieren. Es sind Kollegen jener 65 Ermittler, die in den vergangenen Wochen und Monaten fieberhaft damit beschäftigt waren, das Schicksal des zehn Jahre alten Mirco aus Grefrath aufzuklären. Die Ermittlungen waren ungewöhnlich schwierig. Der 48 Jahre alte Thiel hat den Fall Mirco einmal mit einem Puzzlespiel verglichen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Ein Puzzle, von dem er freilich nicht wusste, wie viele Teile es hat. Und manche Teile waren von Beginn an nur noch bedingt zu gebrauchen. Wertvolle Spuren waren vernichtet. Denn durch ein Missverständnis bemerkten Mircos Eltern das Verschwinden ihres Kindes erst am Morgen des 4. September. Wertvolle Zeit war verloren. Ein Zeuge hatte das grüne Fahrrad des Jungen, auf das er auf einem Feldweg gestoßen war, längst mit nach Hause genommen und mit einem Hochdruckreiniger gesäubert. Und eine weitere Zeugin hatte, ohne zu wissen, dass es sich um ein Kleidungsstück des vermissten Kindes handelte, auf einem Parkplatz eine Hose an sich genommen und gewaschen.

          Eine improvisierte Schweigeminute

          Eine Weile sitzen Thiel, die Staatsanwältin, der Polizeipräsident und die anderen drei Ermittler am Freitagmorgen schweigend auf dem Podium im Mönchengladbacher Polizeipräsidium. So beginnt die Live-Übertragung der Pressekonferenz, zu der sich gleich mehrere Fernsehsender entschieden haben, weil der Fall die Leute weit über den Niederrhein hinaus bewegt, mit einem ersten improvisierten Schweigemoment für den Jungen. Nur das Klicken der Fotoapparate zerteilt die Stille.

          Noch immer erinnern Plakate in Grefrath an das Schicksal des Jungen

          Schon seit dem Vortag ist die schreckliche Befürchtung Gewissheit: Mirco ist tot. Ein 46 Jahre alter Mann, selbst Vater dreier Kinder, aus dem nahen Schwalmtal ist der mutmaßliche Täter. Nun geht es um weitere Hintergründe des Falls. Thiel beginnt seine Ausführungen nicht ohne Bewegung und Stolz: „Wir haben hoch gepokert. Wir haben gesagt, wir kriegen ihn. Ich darf Ihnen sagen: Wir haben ihn.“ Mirco ist, so viel steht fest, ein Zufallsopfer.

          In den ersten Vernehmungen hat der bislang nicht einschlägig vorbestrafte Mann angegeben, am 3. September unter starkem beruflichem Stress gestanden zu haben, weil er von seinem Chef „zusammengefaltet“ worden sei. Um den Kopf frei zu bekommen, sei er auf der Suche nach einem leichten Opfer in der Gegend umhergefahren. „Olaf H. war eine tickende Zeitbombe“, sagt Thiel. Zufällig traf Olaf H. bei Grefrath auf Mirco, überholte ihn, hielt ihn an dem Feldweg an, zwang den verschüchterten Jungen in sein Auto und fuhr davon.

          Er wollte vor allem Macht über das Kind

          Nach zwölf Kilometern endete die Fahrt in einem Waldstück. Obwohl Olaf H. Mirco dort entkleidete und versuchte, sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen, sei es ihm vor allem darum gegangen, Macht über das Kind auszuüben. Im Wald sei Olaf H. dann schließlich klar geworden: „Den kannste nicht mehr nach Hause lassen.“ Wie genau Olaf H. den Jungen tötete und wie der Zustand seines Leichnams ist, will Thiel mit Rücksicht auf die Eltern des Jungen nicht mitteilen. „Sie sitzen jetzt vor dem Fernseher und schauen zu.“

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