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Familiendrama in Mittelfranken : „Warum macht man das nur?“

Ort des Schreckens: Nach ersten Erkenntnissen tötete ein Mann am Dienstag seine Frau und seine drei Kinder. Bild: dpa

In Mittelfranken sind eine Frau und ihre drei Kinder getötet worden. Die Polizei verdächtigt den Mann und Vater – der ist nach einem Sprung vom Balkon schwer verletzt.

          Es war zehn vor sechs am Dienstag, als sich Galina Burgardt wie jeden Morgen auf den Weg machte, um ihre Arbeit als Putzfrau im mittelfränkischen Gunzenhausen anzutreten, rund 50 Kilometer von Nürnberg entfernt. Sieben Stunden später ist die Siebenundfünfzigjährige noch immer geschockt davon, was dann passierte. „Als ich auf die Straße bin, ist gegenüber ein Mann vom Balkon gesprungen“, sagt sie. Es habe ausgehen, als würde er in der Luft laufen, um über die Hecke zu kommen, die das achtstöckige Mehrfamilienhaus von einer kleinen Wiese und der Hauptstraße trennt. Dann sei er auf den Boden gekracht und habe sich nicht mehr bewegt. „Die Schulter war verdreht, er hat nicht mehr richtig geatmet.“ Ein Auto habe angehalten, auch ein Fahrradfahrer sei zu dem Schwerverletzten geeilt. „Auf einem Balkon hat jemand angefangen zu schreien“, sagt Burgardt. Wenig später seien die ersten Rettungswagen angekommen. „Neben dem Mann lag ein blutiges Messer auf der Wiese.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Was die seit vielen Jahren in Bayern lebende Russin erlebte, war wohl das grausame Ende eines Familiendramas, das es in dieser Dimension selten in Deutschland gegeben hat. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei tötete ein 31Jahre alter Mann am Dienstagmorgen seine zwei Jahre jüngere Frau und seine drei Kinder. Das Mädchen war drei Jahre alt, die Jungen waren sieben und neun. Danach sprang oder stürzte der Mann vom Balkon.

          Die Polizei wurde um kurz vor sechs von einem Verwandten der Familie verständigt. Er hatte die vier Leichen in der Wohnung entdeckt. Warum der Zeuge so früh dort war und ob er einen Schlüssel für die Wohnung hatte, soll nun in den Vernehmungen geklärt werden. Mit dem russischstämmigen Verdächtigen kann die Polizei wohl frühestens am Mittwoch sprechen, am Dienstag schwebte er noch in Lebensgefahr und musste operiert werden. Dass die Tatwaffe wirklich ein Messer war, wollte die Polizei zunächst nicht bestätigen. Das sei „Täterwissen“, das die Ermittler nicht preisgeben könnten, solange sie nicht wüssten, ob nicht doch noch jemand anderes an der Tat beteiligt gewesen sei, sagte ein Sprecher. „Der Vater gilt als tatverdächtig, die vier umgebracht zu haben“, hieß es. Dennoch werde zur Zeit noch „in alle Richtungen ermittelt“.

          Während vor dem Wohnhaus am Dienstag zuerst Polizeiautos, dann Leichenwagen, Rechtsmediziner und Seelsorger vorfuhren, zeigten sich viele Anwohner fassungslos. Vor allem die beiden kleinen Jungen kannte fast jeder, der in den Wohnblocks lebt. „Sie haben immer im Hof Fußball gespielt, oft auch mit ihrem Vater“, sagt Burgardt, die den Vater am Morgen stürzen sah. Ein Rentner, der gegenüber an einem offenen Fenster lehnt, bestätigt das: „Hier spielen ja fast alle Kinder zusammen, die hier wohnen. Schrecklich, dass die beiden jetzt nicht mehr dabei sind. Warum macht man so was nur?“ Er habe die Mutter am Tag vor ihrem Tod noch gesehen. „Sie hat mit den Kindern das Haus verlassen, es sah alles ganz normal aus.“ Wie er den Vater erlebte? „Immer sehr hektisch, der war dauernd in Bewegung.“

          Ein anderer Anwohner erzählt mehreren Journalisten, dass die Polizei schon am Sonntag bei der Familie gewesen sei und die Kinder „aus dem Haus gebracht“ habe. Der Vater habe die Kinder wohl nicht „hergeben“ wollen. Warum sie nun wieder da waren, kann er allerdings nicht erklären. Die Polizei nimmt zu diesen Gerüchten keine Stellung.

          „Es ist ein komisches Gefühl, wenn ein Mörder neben der Schule wohnt“

          Als die Beamten am Morgen die im Berufsverkehr vielbefahrene Straße vor dem Haus abgesperrt hatten, war die Aufregung auch in der staatlichen Wirtschaftsschule groß, die fast direkt gegenüber des Tatorts liegt. „Wir mussten schon ganz da hinten aus dem Bus raus und den Rest des Weges an der Polizei vorbeilaufen“, sagt der 17 Jahre alte Fabio, der am Mittag an der Haltestelle steht. „Und dabei hatten wir heute unsere Abschlussprüfung für die Mittlere Reife.“ Zuerst sei der Vorfall das große Gesprächsthema gewesen. „Unsere Lehrerin hat dann gesagt: Vergesst das jetzt und konzentriert euch auf die Prüfung.“ Ein anderer Jugendlicher sagt: „Es ist ein komisches Gefühl, wenn du weißt, dass ein Mörder direkt neben deiner Schule gewohnt hat.“

          Ob das wirklich so war, muss die Polizei nun herausfinden. An diesem Mittwoch will sie in Ansbach eine Pressekonferenz geben. Es wird wohl eine Weile dauern, bis wieder Kinder auf dem Hof in Gunzenhausen Fußball spielen. Am Dienstagnachmittag ist er noch von Polizeiautos blockiert.

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