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Neun Jahre in einer Kammer : Familienmitglied soll in sozialen Medien aktiv gewesen sein

Mit dem Gemüsebeet und Tieren versorgte die Familie sich womöglich selbst. Bild: dpa

Im Fall der isoliert lebenden Familie in den Niederlanden erhärtet sich der Verdacht auf Freiheitsberaubung. Ein Familienmitglied hatte offenbar auf dem Bauernhof Zugang zum Internet.

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          Nach der Entdeckung von sieben Personen in den Niederlanden, die jahrelang verborgen gelebt haben, erhärtet sich der Verdacht, dass sie gegen ihren Willen festgehalten worden sein könnten. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht ein 58 Jahre alter Österreicher, der Mieter des abgelegenen Bauernhofs im Nordosten des Landes war. Er wird verdächtigt, an „widerrechtlicher Freiheitsberaubung“ und an „Gesundheitsschädigung anderer“ beteiligt gewesen zu sein, wie die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mitteilte. Der Mann soll an diesem Donnerstag einem Haftrichter vorgeführt werden.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Fall war am Dienstag bekanntgeworden und erregt viel Aufsehen in den Niederlanden. Der Bauernhof liegt in der Provinz Drenthe nordöstlich der Stadt Meppel in der Nähe des Dorfs Ruinerwold. Es geht um einen Mann und sechs Personen im Alter von jetzt 18 bis 25 Jahren, die vermutlich seine Kinder sind. Sie sollen jahrelang in einem abschließbaren kleinen Raum gehaust haben – nicht, wie zunächst behauptet, in einem Keller, denn Tiefgeschosse gibt es in den meisten niederländischen Häusern nicht, weil das Land zu großen Teilen unter dem Meeresspiegel liegt und das Grundwasser hoch steht. Die Gruppe habe „in sehr provisorischen Räumen“ gelebt, sagte Bürgermeister Roger de Groot.

          Die Polizei nimmt an, dass die Familie seit dem Jahr 2010 dort vollkommen isoliert lebte. Die Mutter soll zuvor gestorben sein. Wahrscheinlich waren weder der Vater noch seine sechs Kinder beim Einwohnermeldeamt gemeldet. Der Mieter des Bauernhofs war am Dienstag in Gewahrsam genommen worden, weil er nach Angaben der Polizei nicht bei der Ermittlung kooperieren wollte.

          Auf „das Ende der Zeit“ gewartet?

          Bewohnern von Ruinerwold war in den vorangegangenen Tagen ein Mann aufgefallen, unter anderem in einer Dorfkneipe, der verwirrt erschien. Dann trat die Polizei auf den Plan. „Ein junger Mann hat sich bei uns gemeldet, weil er sich Sorgen über die Lebensumstände seiner Familie machte“, teilte sie mit. Die Polizei fuhr zu dem abgelegenen Hof am Buitenhuizerweg außerhalb von Ruinerwold und fand die anderen Personen vor. „Da trafen wir sechs Leute an in einem abschließbaren kleinen Raum in der Wohnung, es war kein Keller“, teilte die Polizei mit. „Es ist unklar, ob sie dort freiwillig waren.“

          Die sieben bezeichnen sich als Familie und sollen alle volljährig sein, was von der Polizei noch geprüft wird. Sie seien ärztlich untersucht worden. Die Rolle des Achtundfünfzigjährigen und seine Beziehung zu den anderen ist noch Teil der Ermittlungen.
          Der Österreicher soll auf dem Gelände regelmäßig Reparaturen ausgeführt, aber dort nicht gewohnt haben. Das österreichische Außenministerium bestätigte, dass es sich bei dem Mann um einen gebürtigen Wiener handelt. Er wolle aber keinen Kontakt zu den österreichischen Behörden, sagte Ministeriumssprecher Peter Guschelbauer. Nach Berichten niederländischer und österreichischer Medien war er als „Josef, der Österreicher“ bekannt.

          Der Regionalsender RTV Drenthe berichtete, die Familie habe in ihrer Isolation auf „das Ende der Zeit“ gewartet. Diese Angaben sind bisher nicht offiziell bestätigt. Der junge Mann, durch den der Fall bekannt wurde, soll bis vor kurzem in sozialen Medien aktiv gewesen sein – hatte also offenkundig auf dem Bauernhof Zugang zum Internet. Die Zeitung „De Telegraaf“ verwies auf ein Facebook-Konto, das er im Juni erstmals seit neun Jahren wieder nutzte. „Neuen Job bei Creconat angefangen“, heißt es in einer Notiz. Das stehe in Verbindung mit dem Holzunternehmen Native Creative Economy des 58 Jahre alten Hofmieters in Meppel. Zudem postete der junge Mann Fotos von sich, „umgeben von Bäumen“, in Ruinerwold und Umgebung, und veröffentlichte Links zu Kundgebungen wie etwa den jüngsten Klima-Märschen.

          Der Regionalsender RTV Drenthe hatte berichtet, der Fünfundzwanzigjährige sei ungewaschen und mit langen zerzausten Haaren im Gasthaus in Ruinerwold aufgetaucht und habe dem Eigner Chris Westerbeek erzählt, er sei in den vergangenen neun Jahren nicht „draußen“ gewesen und habe nie eine Schule besucht. Der Eigner beschrieb den jungen Mann als „sehr verwirrt“, zudem habe er auf kindliche Weise gesprochen.

          „Jan“ – wie sich der 25 Jahre alte Mann auf den Seiten nennt – besaß nach Medienberichten auch ein Nutzerkonto beim Karriere-Netzwerk Linkedin. Dort habe er berichtet, seine Eltern hätten bis zum Tod der Mutter im Jahr 2004 ein erfolgreiches Unternehmen geführt. Offenbar wusste aus dem Dorf niemand von der Familie. Sie habe seit neun Jahren vollkommen abgeschirmt von der Außenwelt gelebt.

          Die Polizei entdeckte in dem verlassen wirkenden und von Zäunen umgebenen Bauernhof hinter einem Schrank eine Treppe, die in den abgeschotteten Raum führte. Dort fanden sie den auf einem Bett liegenden Vater, umgeben von mehreren Kindern. Die Familie ist inzwischen nach Behördenangaben an einem sicheren Ort untergebracht.

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