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Lebensgefährlich: so haben sich Frauen die Stromstöße gegeben. Bild: dpa

Elektroschocks gegen Geld : Falschem Arzt werden 88 Mordversuche vorgeworfen

Der Mann täuschte mehrere Frauen indem er vorgab, wissenschaftliche Experimente durchzuführen. Dabei forderte er sie auf, sich Stromschläge zuzufügen – laut Staatsanwaltschaft handelte der falsche Arzt aus sexuellen Motiven.

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          Während der Staatsanwalt von „abisolierten Kabelenden“ und „nackten Fußsohlen“ spricht, schüttelt die Mutter des Angeklagten sachte den Kopf. Dann blickt sie zur Decke, die Augen fast geschlossen, als wolle sie die Verlesung der Anklage, in der ihrem Sohn 88 Mordversuche zur Last gelegt werden, einfach nur irgendwie hinter sich bringen. Ähnlich scheint es ihrem Sohn zu gehen, der mit gesenktem Kopf neben ihr auf der Anklagebank sitzt: Seine Mutter ist auf Bestreben der Verteidigung inzwischen seine gesetzliche Betreuerin. Der 30 Jahre alte Informatikkaufmann, der mit blassem Gesicht neben seiner Mutter mehr kauert als sitzt, wirkt ängstlich. Als er zuvor in einem schwarzen Kapuzenpullover, einen schwarzen Schal um den Kopf gewickelt, in den Saal geführt wurde, stellten sich sofort seine beiden Verteidiger vor ihn, um ihn vor den Kameras abzuschirmen. Das Auftreten des Angeklagten steht im Gegensatz zu der Beharrlichkeit und dem Erfindungsreichtum, die ihm die Staatsanwaltschaft bescheinigt, um seiner Opfer habhaft zu werden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Vorgehen des Angeklagten folgte laut Staatsanwaltschaft fast immer demselben Muster: Er ging auf Internet-Anzeigen ein, die Mädchen und junge Frauen in unterschiedlichen Städten auf der Suche nach einem Minijob in einem Kleinanzeigen-Portal geschaltet hatten. Während der Tatserie, die von 2013 bis 2018 gedauert haben soll, gab sich der Angeklagte demnach mal als „Dr. Raik Haarmann“, mal als Professor aus, der angeblich in Zusammenarbeit mit Krankenhäusern Teilnehmer für eine „Studie zur Schmerztherapie“ suchte, bei der es um das „Zuführen von Strom“ ging – gegen lukrative Bezahlung. Der Angeklagte habe jedoch, so die Staatsanwaltschaft, stets darauf hingewiesen, dass die Tests ungefährlich seien. Gezahlt wurde nie etwas. Die Kommunikation mit den Opfern erfolgte über einen Videochat, jedoch konnten die Opfer den Angeklagten aufgrund von „Kameraproblemen“ nicht sehen.

          250 Euro bot der Angeklagte laut Anklage zum Beispiel im August 2014 einer Siebzehnjährigen in Berlin an, als er vorgab, für ein Münchner Labor Probanden für die „Erprobung der Sensibilität von Elektroschocks“ zu suchen. Gemäß seiner Anweisung schnitt das Mädchen das Stromkabel eines Glätteisens ab, löste die Ummantelung des Kabels und entfernte an den Enden der innenliegenden Kabel die Isolierung. Dann klebte sie, wie er ihr aufgetragen haben soll, ein Drahtende an eine nackte Fußsohle und verband das Kabel „weisungsgemäß“ mit dem Hausstromnetz. Das zweite Kabelende führte sie auch an den Fuß und erlitt dadurch einen leichten Stromstoß. Schließlich habe sie der Angeklagte noch aufgefordert, die Elektroden an ihre Schläfen zu kleben – und dann den Stecker wieder in die Steckdose zu stecken. Das Mädchen erlitt daraufhin einen „heftigen Stromschlag“, wie der Staatsanwalt ausführte. Es sei ihr schwarz vor Augen geworden. Noch in der Nacht habe der Angeklagte das Mädchen abermals kontaktiert und sie aufgefordert, sich nochmals Elektroden an die Schläfen zu führen. Diesmal sollte sie dabei mit den Füßen im Wasser stehen. Das Mädchen folgte seinen Anweisungen, allerdings unterließ sie es, ohne dass er das bemerkte, das Kabel in die Steckdose zu stecken.

          Sexuelle Motive

          Ein paar Monate später gab sich der Angeklagte laut Anklage als „Ärztin Sandra Schilling“ aus. Einem siebzehn Jahre alten Mädchen bot er diesmal demnach insgesamt 1000 bis 1500 Euro an. Entsprechend seiner Anweisung habe die junge Frau das Kabel eines Elektrogeräts aufgeschnitten, die Kabelenden von der Ummantelung gelöst und mit Klebestreifen das braune Kabel am großen Zeh des rechten Fußes, und das blaue Kabel an der nackten rechten Fußsohle befestigt. Ein Bein hatte sie zudem mit einem Schal an einer Leiter fixiert. Dann drückte sie auf einen Kippschalter, um die Verbindung zum Stromnetz herzustellen.

          79 Frauen, unter ihnen zahlreiche Minderjährige sowie auch eine Schwerbehinderte, die eine Ohrprothese samt Magneten trug, wurden laut Anklage Opfer des Informatikkaufmanns. Seine Opfer brachte er dazu, die Kabel von Waffeleisen, Haarglättern, Lichterketten oder CD-Playern entsprechend seiner Anweisungen zu manipulieren. Viele Frauen befolgten zwar seine Anweisungen, stellten aber dann, ohne dass er es mitbekam, letztendlich nicht die Verbindung zum Stromnetz her.

          Laut Staatsanwaltschaft handelte der Angeklagte aus sexuellen Motiven: Die Zufügung von Schmerzen mittels Strom, nackte Füße sowie Fesselungen sind demnach sein „sexueller Fetisch“. Das Anbringen von Elektroden an nackten Füßen errege ihn. Es war ihm demzufolge jedoch bewusst, dass die Zufuhr von Stromschlägen mit 230 Volt auch tödlich hätten enden können. Er habe dies jedoch zumindest „billigend in Kauf genommen“. Die Opfer hingegen hätten ihm nicht nur seine falschen Identitäten und den wissenschaftlichen Zweck abgenommen: Mehrfach versicherte er den Frauen laut Anklage, dass sie nicht in Gefahr seien.

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