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Falsche Polizisten verurteilt : „Nimm ihr Handy mit!“

„Verdeckte Fahnder haben nie einen Ausweis dabei“, sagte der Betrüger. Bild: dpa

Ein Gericht verurteilt fünf falsche Polizisten zu langen Freiheitsstrafen. Bei ihrer Betrugsmasche rufen sogenannte Keiler, die meist in der Türkei sitzen, Personen mit alt klingenden Namen an – und warnen vor bevorstehenden Einbrüchen.

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          „Fahren Sie schneller“, drängte der Polizist Frau A. am Telefon, die Polizei zahle jeden Strafzettel. Also fuhr Frau A. so schnell sie konnte, das Handy die ganze Zeit am Ohr, mit dem Polizisten, der sie vor den Einbrechern warnte, die kurz davor seien, in ihr Haus einzubrechen. „Schneller, schneller!“ Sie sollte zu Hause sein, damit die Täter auf frischer Tat ertappt würden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Sie habe sich extra beeilt, weil sie doch die Kriminalpolizei unterstützen müsse, sagte die Seniorin in dem Verfahren gegen sieben „falsche Polizisten“ vor dem Oberlandesgericht München. Seit September mussten sich dort vier türkische und drei deutsche Staatsangehörige wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs verantworten. Am Mittwoch wurden fünf Männer zu Freiheitsstrafen zwischen zwei und sechs Jahren verurteilt. Ein Verfahren gegen einen Angeklagten läuft noch, bei einem weiteren Angeklagten stand der Ausgang zunächst noch nicht fest. Die Staatsanwaltschaft hatte den Männern vorgeworfen, betagte Menschen um ihre Wertsachen gebracht zu haben.

          Bei der Betrugsmasche rufen sogenannte Keiler, die meist in Callcentern in der Türkei sitzen, Personen mit alt klingenden Namen an, geben sich als Kommissare oder Staatsanwälte aus und warnen vor bevorstehenden Einbrüchen. Die Keiler geben die Informationen an „Logistiker“ in Deutschland weiter, die wiederum die „Abholer“ zu den Häusern dirigieren, um dort als „Ermittler“ Wertsachen „in Sicherheit“ zu bringen. Die höchste Freiheitsstrafe mit sechs Jahren erhielt am Mittwoch ein Mann, der als „Cheflogistiker“ eingeschätzt wird: Er stand mit den Auftraggebern in der Türkei in Kontakt, instruierte und bezahlte die „Logistiker“.

          Goldmünzen im Wert von rund 500.000 Euro

          Für die Angeklagten war Frau A. demnach ein Fall mit besonders hoher Beuteerwartung: Es ging um Goldmünzen im Wert von rund 500.000 Euro. Dass so viel zu holen war, hatte der „Kommissar“ schnell herausgefunden, der am 26. Juli 2017 gegen 20 Uhr Frau A. auf ihrem Handy anrief. Frau A. war gerade zu Besuch bei ihrer schwerkranken Schwester, als ihr Handy klingelte. Überstürzt fuhr sie los, ohne ihrem Mann Bescheid geben zu können. Dass sie ihren Mann nicht mehr verständigen konnte, teilte sie auch dem Kommissar mit, der „Weber oder Wagner“ hieß und sie permanent im Gespräch hielt. „Kein Problem, wir kümmern uns um Ihren Mann.“

          Als sie vor ihrem Haus stand und merkte, dass sie vor lauter Aufregung den Schlüssel bei ihrer Schwester vergessen hatte, fand der Kommissar auch dafür schnell eine Lösung. Während er mit ihr sprach, wurde der Schlüsseldienst verständigt. Für die Kosten würde natürlich die Polizei aufkommen! Plötzlich habe dann schon der Polizist vor ihr gestanden, der ihre Wertsachen in Empfang nehmen sollte. Er habe mit seiner schwarzen Hose und Lederjacke genau so ausgesehen, „wie Kriminalpolizisten so ausschauen“, sagte die Zeugin vor Gericht. Und er nannte das „Kennwort“, das ihr der Kommissar zuvor mitgeteilt hatte. Als sie nach seinem Ausweis fragte, sagte er: „Verdeckte Fahnder haben nie einen Ausweis dabei.“

          Zusammen ging sie mit ihm ins Schlafzimmer, wo die Goldmünzen im Schrank versteckt waren. Sie habe sie eigentlich im Schließfach ihrer Bank unterbringen wollen, „aber die hatten keinen Platz frei“. Der Mann, der die ganze Zeit dicht hinter ihr stand, habe immer die Hände in den Taschen gehabt: Er dürfe keine Fingerabdrücke hinterlassen. Als sie drei Päckchen mit Goldmünzen herausholte, sagte er: „Da ist doch noch ein viertes.“ Er müsse genau gewusst haben, wie viel Gold es wirklich gab. Auch er drängte: „Schnell, schnell!“.

          Frau A. telefonierte weiter mit dem Kommissar, sagte ihm, dass sie unsicher sei, die Münzen einfach so wegzugeben. Er beruhigte sie: „Sie können das Gold am nächsten Tag wieder in der Ettstraße beim Polizeipräsidium abholen.“ Als sie trotzdem zögerte, setzte der Kommissar sie mit dem Hinweis auf eine „Amtsbeleidigung“ unter Druck. Sie habe es mit der Angst bekommen, sagte Frau A. vor Gericht. „Aber ich konnte nicht schreien.“ Auch der „verdeckte Fahnder“ hatte ein Handy in der Hand. Sie habe hören können, wie jemand zu ihm sagte: „Nimm ihr Handy mit!“. Das tat er dann auch, bevor er mit dem Gold das Haus verließ.

          Unter Tränen hatte Frau A. vor Gericht auch geschildert, dass das Gold ein Geschenk ihrer kranken Schwester gewesen sei, der sie ihr Leben lang eng verbunden war. Die Münzen waren für die Kinder von Frau A. bestimmt. Der Schwester, die vier Wochen nach dem Betrug starb, habe sie vor deren Tod nicht sagen können, dass alles verloren sei. „Das habe ich nicht übers Herz gebracht.“

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