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Fall Tuğçe Albayrak : Misstrauen wir dem Mitleid

Bild: dpa

Der Tod von Tuğçe Albayrak löste starke Emotionen aus: Mitleid mit dem Opfer, Empörung über den Angeklagten. Viele ließen sich von diesen Emotionen leiten. Es regierten Reflexe, wo Beherrschung wichtig gewesen wäre. Ein Kommentar.

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          Dieses Urteil stellt Fragen an uns alle. Also an alle, die eine Studentin „Engel der Barmherzigkeit“ nannten, bevor der Kriminalfall, dem sie zum Opfer fiel, auch nur ansatzweise aufgeklärt war. An alle, die ein wackeliges Video verbreiteten, das wichtige Zeugen von ihren wirklichen Erinnerungen abbrachte. Sogar an den Bundespräsidenten, der den Eltern von Tuğçe Albayrak kondolierte, weil sie „zum Opfer eines brutalen Verbrechens geworden“ sei, und der sogleich prüfen ließ, ob ihr postum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen sei.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Reflexe sollte man beherrschen. Eine junge Frau, die erst zwei Mädchen vor dröhnenden Jugendlichen in Schutz nimmt und dann durch die Folgen eines Schlags ums Leben kommt – man kann nur mit ihr und den Hinterbliebenen fühlen. Aber was stellt das Mitleid mit uns an, und was stellen wir mit dem Mitleid an? Natürlich hilft es den Angehörigen, wenn sie wissen, dass sie nicht allein sind in ihrem Schmerz. Aber es ist auch eine überlegene, gar auftrumpfende Geste, die von der eigenen Unvollkommenheit entlastet. Mitleid fördert auch das Denken in Schablonen.

          Tuğçe-Prozess : Angeklagter zu drei Jahren Haft verurteilt

          Die Kehrseite des Mitleids ist die Empörung. Sie traf den Angeklagten, der vom Darmstädter Landgericht zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt wurde, schon gleich nach der Tat. Für ihn musste man kein Verständnis aufbringen. Der Achtzehnjährige mit Migrationshintergrund eignete sich als Gegenzerrbild zu seinem Opfer, mit „schädlichen Neigungen“ und „erheblichen Erziehungsdefiziten“, wie auch das Urteil am Dienstag festhielt. Die wird es geben, und sie sind ein Appell an alle Instanzen der Integration und Erziehung – also an jeden.

          Die Empörung macht es sich aber so leicht wie das Mitleid. Im Prozess kam heraus, dass sich Sanel M. vor dem Schlag Beleidigungen hatte anhören müssen. In der Justizvollzugsanstalt wurde ihm von einem Mithäftling die Nase gebrochen. In Offenbach kann er sich nach seiner Entlassung nicht mehr blicken lassen. Er sollte sich eine neue Identität zulegen. Mitleid ist auch hier fehl am Platz. Denn sie würde das Gedenken an Tuğçe Albayrak noch einmal verzerren – so wie die gutgemeinten Aussagen ihrer Freundinnen, die nicht nur aus eigener Erinnerung schöpften; so wie die Heldinnenverehrung, die bis zur Vorverurteilung des Täters reichte; so wie das billige Beileid, das niemandem hilft, nicht einmal den Hinterbliebenen. Misstrauen wir dem Mitleid.

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