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Fall Mitja : Noch keine Vernehmung des Tatverdächtigen

  • Aktualisiert am

Das Klinikum „St. Georg”, in dem Uwe K. intensivmedizinisch versorgt wird Bild: ddp

Der Zustand des mutmaßlichen Mörders des neun Jahre alten Mitja lässt vorerst keine Vernehmung zu. Die behandelnden Ärzte erklärten Uwe K. als zu instabil. Die Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe, sie habe den Tatverdächtigen in den Suizid getrieben.

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          Der schwer verletzte mutmaßliche Mörder des kleinen Mitja aus Leipzig wird laut Staatsanwaltschaft am Freitag voraussichtlich nicht vernommen. Es sei keine Befragung durch die Kriminalpolizei oder Staatsanwaltschaft geplant, sagte Sprecher Ricardo Schulz. Arved Weimann, der stellvertretende Chefarzt des Leipziger Krankenhauses St. Georg, sagte, der Tatverdächtige schwer Quetschungen am ganzen Körper erlitten habe. Am Morgen hatten die behandelnden Ärzte des 43 Jahre alten Uwe K. erklärt, dass er nicht vernehmungsfähig sei. „Der Leiter des behandelnden Ärzteteams sieht momentan keinen ausreichend stabilen Zustand für eine Vernehmung“, sagte eine Krankenhaus-Sprecherin.

          Uwe K. hatte nach tagelanger Flucht versucht, sich am Donnerstag mit einem Sprung vor eine Straßenbahn das Leben zu nehmen. Zur Zeit wird der mehrfach vorbestrafte Kinderschänder im St. Georg-Klinikum intensivmedizinisch versorgt. Nach aktueller ärztlicher Einschätzung könne er auch nicht vor Montag in ein Haftkrankenhaus verlegt werden. Nach Angaben der Polizei ist in der Leipziger Haftklinik keine Intensivstation vorhanden. Die Ärzte wollten am Mittag zum Gesundheitszustand Stellung nehmen.

          Anklage bis spätestens Jahresende

          Ein Haftrichter hatte mit dem Tatverdächtigen am Donnerstagabend gesprochen, sagte Schulz. Der Sprecher stellte klar, dass es sich noch nicht um eine staatsanwaltschaftliche oder kriminalpolizeiliche Vernehmung handelte. „Er bekam die Gelegenheit, sich zu äußern, schwieg jedoch zum Tatvorwurf.“ Daraufhin sei ihm der Haftbefehl wegen Mordes verkündet worden.

          Die Anklage gegen den Tatverdächtigen soll nach Willen der Leipziger Staatsanwaltschaft spätestens bis Jahresende erhoben werden. Die Ermittlungen zur weiteren Aufklärung des Tatablaufs liefen auf Hochtouren, sagte Ricardo Schulz am Freitag. Schulz sagte: „Wir wollen den Beschuldigten möglichst schnell vor Gericht bringen, wir müssen aber gleichzeitig sehr gründlich sein.“ Allein die Auswertung des Spurenmaterials werde mehrere Wochen dauern. Zudem müsse im Fall des 43 Jahre alten mutmaßlichen Mörders voraussichtlich auch ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben werden.

          Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe

          Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hat die Fahndungstaktik der Polizei im Mordfall des neunjährigen Mitja verteidigt. „Das Vorgehen war abolut verhältnismäßig und auch erfolgreich“, sagte Verbandspräsident Klaus Jansen der „Berliner Zeitung“ vom Freitag. Nach Mitjas Ermordung sei es darum gegangen, so schnell
          wie möglich den mutmaßlichen Täter zu ergreifen.

          Der Kriminologe Rudolf Egg hatte in der Erfurter Tageszeitung „Thüringer Allgemeine“ von einer „Treibjagd“ gesprochen. „Wenn sich die Polizei damit brüstet, ihre Indianertaktik sei aufgegangen, klingt das nach Wildem Westen“, meinte der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. „Immerhin wurde ein Mensch durch diese Taktik in den Suizid getrieben, und der ist bisher nur Verdächtiger. Wir leben in einem Rechtsstaat - nicht einer Bananenrepublik, wo ein Verdacht eine Art Vogelfreiheit bedeutet.“

          Jansen sagte dagegen, der Täter habe jederzeit die Möglichkeit gehabt, sich zu stellen. Für die Polizei sei überhaupt kein anderes Vorgehen vorstellbar, „wenn eine menschliche Zeitbombe, von der man nicht wissen kann, ob und wann sie wieder zuschlägt, noch auf freiem Fuß ist“.

          Forderungen nach härterem Vorgehen

          Unterdessen mehrten sich die Forderungen nach einem härteren Vorgehen gegen Sexualstraftäter. Bayerns Innenminister Günther Beckstein verlangte in der „B.Z.“, gefährliche Triebtäter müssten eingesperrt bleiben, bis jede Rückfallgefahr gebannt sei. Es sei überfällig, dass man auch nachträglich eine zeitlich nicht begrenzte Sicherheitsverwahrung verhängen könne. Die nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter forderte in der „Rheinischen Post“ ein länderübergreifendes Täterregister.

          Bundesjustizministerin Brigitte Zypries kündigte im NDR an, gefährliche Straftäter sollten schon bald stärker kontrolliert werden. Die Bundesregierung sei dabei, die Führungsaufsicht für bestimmte Fälle unbefristet zu verlängern, etwa wenn ein Täter einer Therapieanweisung nicht nachkomme. Kommende Woche werde es dazu eine Anhörung von Sachverständigen geben. Die SPD-Politikerin mahnte im Fall Mitja zur Sachlichkeit. Man könne nicht jeden Täter für immer wegschließen, sondern der Staat müsse ihm helfen, wieder auf die rechte Bahn zu kommen.

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