https://www.faz.net/-gum-8wn1g

DNA-Probe negativ : Im Mordfall Bögerl festgenommener Mann wieder frei

  • Aktualisiert am

Suchtrupp der Polizei in einem Wald nahe Heidenheim in 2010 Bild: dpa

Im Mordfall der Bankiersfrau Maria Bögerl hat die Polizei den in der Nacht festgenommenen Verdächtigen wieder freigelassen. Nach der Auswertung der DNA-Probe hatte sich der Verdacht gegen den Mann nicht erhärtet.

          2 Min.

          Der im Mordfall Maria Bögerl festgenommene Mann ist wieder auf freiem Fuß. Der Tatverdacht gegen ihn habe sich nicht erhärtet, sagte Staatsanwalt Armin Burger am Donnerstag in Ellwangen. Seine DNA stimme nicht mit am Tatort gesicherten Spuren des mutmaßlichen Täters  überein, teilten die Staatsanwaltschaft Ellwangen und das Polizeipräsidium Ulm mit.

          Der Mann sollte in betrunkenem Zustand vor Zeugen erklärt haben, er habe die Frau erstochen. Er bestritt aber im Verhör, an der Entführung und Ermordung der Frau beteiligt gewesen zu sein, wie ein Sprecher der Anklagebehörde in Ellwangen mitteilte. Der Verdächtige war in seiner Wohnung in Königsbronn im Kreis Heidenheim festgenommen worden. Königsbronn liegt etwa zehn Kilometer von Heidenheim entfernt, wo die Familie Bögerl wohnte. Seine DNA wurde mit der Erbsubstanz verglichen, die im Auto der entführten und umgebrachten Maria Bögerl gesichert worden war.

          Zuvor hatte die Polizei mithilfe eines Aufrufs öffentlich nach ihm gefahndet. Auch in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ vom Mittwochabend war der Fall noch einmal Thema. Der Verdächtige hatte laut Polizei im Juli 2016 im westfälischen Hagen in betrunkenem Zustand zwei Männer angesprochen, den Fall erwähnt und dabei tatrelevante Angaben gemacht. Die beiden jungen Männer hatten das Gespräch mit einem Handy aufgezeichnet und die Polizei alarmiert.

          Mit Phantombild und Stimmprobe hatten die Ermittler bundesweit nach einem Mann gesucht, der die Tat vergangenen Sommer vor Zeugen zugegeben und konkrete Angaben dazu gemacht hatte. „Nach unserer Einschätzung könnte dieser Unbekannte tatsächlich der Mörder von Maria Bögerl sein“, sagte der leitende Ermittler Michael Bauer von der Polizei in Ulm am Mittwochabend in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“. Am Ende der Sendung hieß es bereits, es habe „eine Reihe von Hinweisen“ aus dem TV-Publikum gegeben, erste Überprüfungen konkreter Personen seien bereits am Abend angelaufen.

          In der Nacht hatte das BKA getwittert, es habe in einem Mordfall aus dem Jahr 2010 eine Festnahme gegeben.Laut einem Polizeisprecher hatte der Verdächtige in einer ersten Vernehmung angegeben, einen Hass auf die Familie Bögerl gehabt zu haben. Die Staatsanwaltschaft in Ellwangen teilte allerdings mit, der Festgenommene bestreite, an der Tat beteiligt gewesen zu sein.

          Maria Bögerl, damals 54 Jahre alt, war am 12. Mai 2010 aus ihrem Haus in Heidenheim entführt worden. Ihr Mann war Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Heidenheim. Nachdem die Übergabe von 300.000 Euro Lösegeld gescheitert war, tötete der Entführer die Frau mit mehreren Messerstichen. 2011 nahm sich ihr Ehemann das Leben. Er war in Verdacht geraten, in den Fall verwickelt zu sein. 2016 war die Sonderkommission „Flagge“ aufgelöst worden; die Ermittlungen führt seitdem eine kleine Ermittlungsgruppe der Kriminalpolizei Ulm.

          Mordfall Bögerl : Festgenommener wieder frei

          Das Verbrechen – ein Rückblick

          Das Verbrechen an der Bankiersfrau Maria Bögerl beschäftigt die Polizei seit dem Jahr 2010. Es gab mehr als 10.000 gesicherte Spuren, viele Jahre aber keine entscheidende Spur.

          12. Mai 2010: Maria Bögerl (54), zweifache Mutter und Frau eines Sparkassenchefs, wird aus ihrem Haus in Heidenheim entführt. Ihr Mann hinterlegt 300.000 Euro Lösegeld an vereinbarter Stelle an der A7.

          13. Mai 2010: Das Geld wird nicht abgeholt, der Kontakt zum Entführer bricht ab. Von der Frau fehlt jede Spur.

          14. Mai 2010: Maria Bögerls Handy wird gefunden. Ihr Auto entdeckt die Polizei nach Hinweisen im Hof des Klosters Neresheim.

          16. Mai 2010: Ein zunächst verdächtiger Mann wird kurz nach seiner Festnahme wieder freigelassen.

          18. Mai 2010: Die Belohnung für Hinweise zur Aufklärung des Falls wird auf 100 000 Euro verdoppelt. Die Soko „Flagge“ wird gebildet.

          19. Mai 2010: Mit einem verzweifelten Appell wendet sich die Familie in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ an die Täter: „Bitte geben Sie uns unsere geliebte Mama, meine Frau, wohlbehalten zurück.“

          3. Juni 2010: Ein Spaziergänger entdeckt am Waldrand die Leiche von Maria Bögerl wenige Kilometer vom Haus der Bögerls entfernt.

          9. Juni 2010: Unter großer Anteilnahme wird Bögerl beigesetzt.

          24. Juni 2010: Die Polizei sucht nun auch mit Speichelproben nach dem Täter.

          3. August 2010: Die Bundesbank widerspricht: Die Geldübergabe habe sich nicht wegen einer Mittagspause ihrer Ulmer Filiale verzögert.

          Oktober 2010: Bei der Polizei geht ein anonymes Schreiben ein, nach dem die Lösegeldbeschaffung sehr viel schneller hätte klappen können.

          11. Juli 2011: Bögerls Ehemann tötet sich selbst.

          14. Juli 2011: Die Kinder der Bögerls kritisieren öffentlich die Polizei.

          5. September 2012: Die Polizei wendet sich über „Aktenzeichen XY“ erneut an die Bevölkerung. Daraufhin führt ein Mann die Polizei monatelang mit falschen Hinweisen in die Irre. Dafür kassiert er mehrere tausend Euro Belohnung – und schließlich zwei Jahre Haft auf Bewährung.

          Januar 2013: Die Soko wird von 16 auf 12 Ermittler verkleinert. Mehr als 3000 Speicheltests machten die Beamten bislang auf der Suche nach dem Täter oder den Tätern - eine heiße Spur ist nicht dabei.

          8. Mai 2013: Erstmals ist nur die Rede von mehreren Tätern, sie werden im Spielhallen-Milieu in Baden-Württemberg und Bayern gesucht.

          14. Februar 2014: In Neresheim (Ostalbkreis) soll ein DNA-Massentest die entscheidenden Hinweise bringen. Mehr als 3000 Männer sollen zur Reihenuntersuchung antreten.

          21. August 2014: Die zweite Auflage des Massentests: Auch in Giengen an der Brenz werden rund 500 Männer zum DNA-Test aufgefordert.

          Februar 2015: Ein dubioser Zeuge meldet sich bei der Polizei und sorgt über Wochen für Wirbel. Er nennt einen angeblichen Tatbeteiligten. Die Durchsuchung von dessen Wohnung bringt aber keine Hinweise.

          13. Februar 2015: Das Amtsgericht Ellwangen droht den DNA-Verweigerern: Zur Not sollen sie zum Gentest gezwungen werden.

          23. April 2015: Die Staatsanwaltschaft Ellwangen verkündet, den angeblichen neuen Zeugen vorerst nicht mehr vernehmen zu wollen.

          November 2015: Auf der Suche nach dem Täter werten die Ermittler mit einer neuen Software derzeit 600.000 alte Datensätze aus - darunter vor allem Handy-Verbindungsdaten aus dem Tatzeitraum.

          April 2016: Knapp sechs Jahre nach dem Mord an der Bankiersgattin geht die Polizei noch einmal 150 neuen Ermittlungsansätzen nach.

          5. April 2017: Nun suchen die Ermittler nach einem Verdächtigen und gehen einer entscheidenden Spur nach. Der Mann ist in Nordrhein-Westfalen gesehen worden.

          5. April 2017: Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ berichtet über den Mord. Am Ende der Sendung heißt es bereits, es habe „eine Reihe von Hinweisen“ aus dem TV-Publikum gegeben.

          6. April 2017: Das Bundeskriminalamt gibt bekannt, dass knapp sieben Jahre nach dem Mord ein Verdächtiger festgenommen worden sei.

          (dpa)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spritzen mit dem Corona-Impfstoff von Biontech-Pfizer

          Corona-Impfstoff : Der Kampf um Produktionskapazitäten

          Der französische Pharmakonzern Sanofi produziert künftig Corona-Impfstoff für Biontech. Das wirft die Frage auf, ob nicht noch mehr Kooperationen möglich sind. In Amerika wird bereits verhandelt.
          In der Schusslinie: Kölner Erzbischof Woelki könnte in einem Missbrauchsfall besser im Bilde gewesen sein, als er zugibt (Archivbild).

          Missbrauch in der Kirche : Verantwortliche ohne Namen

          Hat der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki 2015 einen Missbrauchsfall vertuscht? Der Verdacht wurde nach Rom gemeldet. Doch der Vatikan ließ die selbstgesetzte Antwortfrist verstreichen.
          Urheberrechte im Internet? Leistungsschutzrecht? Das Bundesjustizministerium legt einen Gesetzentwurf vor.

          Streit ums Urheberrecht : Katzenmusik

          Die Bundesregierung hat den Gesetzentwurf für ein neues Urheberrecht doch noch nicht beschlossen. In letzter Minute melden sich Kritiker, die Musikindustrie macht ganz großen Alarm. Ihre Polemik ist übertrieben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.