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Fall Marco W. : Warten auf die Wahrheit

Am 20. November geht der Prozess weiter: Marcos Eltern und ein türkischer Anwalt (Mitte) Bild: AP

„Warum sagt Charlotte nicht die Wahrheit?“ fragte Marco in den ersten Tagen seiner U-Haft. Nach sechs Monaten liegt nun ein Vernehmungsprotokoll der 13-Jährigen vor. Wegen fehlender Übersetzung ins Türkische ist es zunächst wertlos. Wie langsam darf ein Prozess eigentlich sein? Von Marco Dettweiler.

          2 Min.

          Nach der sechsten Verhandlungsrunde im Fall Marco W. fällt es schwer, allen Beteiligten immer noch ein Interesse an der seriösen und schnellen Klärung des Prozesses zu unterstellen. Der türkische Anwalt Ömer Aycan legte am Freitag dem türkischen Gericht in Antalya die lang erwartete Aussage des mutmaßlichen Opfers Charlotte vor, die 13 Jahre alt ist und in England lebt. Das türkische Gericht wirft dem 17 Jahre alten Schüler nach wie vor „sexuelle Ausbeutung zum Nachteil einer Minderjährigen“ vor.

          Die Aussage ist zentral für das Verfahren, sie ist wichtig für alle am Prozess Beteiligten. Doch die Aussage ist in der Form, in der sie der türkische Anwalt vorgelegt hat, wertlos. Das Verfahren der türkischen Justiz sieht vor, dass die in englisch getätigte Zeugenaussage ins Türkische übersetzt werden muss. Charlottes Anwalt, Ömer Aycan, weiß das. Dennoch bietet er dem Gericht eine 170-seitige Vernehmung, die auch Aussagen der Schwester und Mutter protokolliert, in englischer Sprache an. Charlotte wurde aufgrund des Rechtshilfeersuchens in ihrer Heimat in Manchester vernommen.

          Warten auf die türkische Übersetzung

          Sie muss nun erst ins Türkische übersetzt werden. So etwas kann dauern. Doch der Vorwurf gegen Marco W. wird auch schon seit etwa sechs Monaten aufrecht erhalten. Es gab zwar zunächst ein ärztliches Gutachten, das den Schüler belastete, doch spätere Aussagen des gleichen Arztes und weitere unabhängige ärztliche Aussagen entlasten den Jungen mittlerweile. Charlotte ist sehr wahrscheinlich noch Jungfrau. Eine Vergewaltigung als Tat scheint somit fast unmöglich, eine Verurteilung wegen „sexueller Ausbeutung zum Nachteil einer Minderjährigen“ ist weiterhin denkbar.

          Doch entscheidend für die Beurteilung des Falls sollte nach wie vor die Aussage Charlottes sein. Schließlich wirft ihre Mutter Marco vor, dass er sie vergewaltigt hätte. Von Charlotte gab es anfangs Stellungsnahmen, in denen von einvernehmlichen Kontakt gesprochen wurde. Erst im Laufe des Verfahrens näherte sie sich in ihrer Meinung, derer ihrer Mutter. Dieser Widerspruch könnte sich durch das Vernehmungsprotokoll auflösen lassen. Charlottes Anwalt sagte, das Mädchen würde darin den Vorwurf der Vergewaltigung bekräftigen.

          Kein einziger Zeuge

          In Deutschland würde in der Regel in einem solchen Fall die Zeugin vorgeladen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer bezeichnete den Prozess sogar als rechtswidrig, da die Anwälte das Mädchen bisher nicht hätten befragen können. Hierzulande kommt es auch schon einmal vor, dass das Bundesverfassungsgericht immer wieder Gerichte ermahnen muss, über Untersuchungshaftsachen schnell zu entscheiden.

          Auch die türkische Justiz hätte die Möglichkeit, Marco aus diesen Gründen aus der U-Haft zu entlassen. Wenn sich das Gericht in Antalya nicht einen unmittelbaren Eindruck von der einzigen Zeugin verschaffen kann, muss es den Beschuldigten nicht unbedingt in Haft lassen.

          Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte

          Die Anwälte des deutschen Schülers geht die scheinbare Verzögerungstaktik zu weit. Sie wollen nun den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einschalten. Sie rechnen nicht mehr mit einer schnellen Freilassung Marcos.

          Auch nicht am 20. November, wenn der Prozess weitergeht. Dann wird Marco W. sieben Monate U-Haft hinter sich haben und weiter darauf warten, bis eine Aussage von Charlotte vorliegt. Schon kurz nach seiner Verhaftung hatte er seinem Vater und einer türkischen Zeitung gesagt: „Warum sagt Charlotte nicht die Wahrheit?“

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