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Fall Kalinka : Er wollte Genugtuung

  • -Aktualisiert am

Vom Stiefvater ermordet: Kalinka wurde 14 Jahre alt. Bild: AFP

Kalinka starb vor mehr als 30 Jahren unter mysteriösen Umständen. Ihr Stiefvater wurde wegen Mordes verurteilt. Nun steht ihr leiblicher Vater vor Gericht: Wegen der Entführung des Stiefvaters nach Frankreich.

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          André Bamberski, ein Mann mit weißen Haaren und bestimmtem Auftreten, hatte nichts mehr zu verlieren. Sein Kind hatte er ja längst verloren. Aber ist er zum Entführer geworden, weil er den Tod seiner Tochter Kalinka rächen wollte? Hat er zwei Männern den Auftrag gegeben, den deutschen Arzt Dieter Krombach an einem Wochenende im Oktober 2009 zusammenzuschlagen, zu fesseln, zu knebeln und von dessen Wohnort bei Lindau am Bodensee ins elsässische Mulhouse zu bringen?

          Diese Fragen hat von Donnerstag an ein Gericht in Mulhouse zu klären. Wenige Schritte vom Gerichtsgebäude entfernt hatten die Entführer Krombach abgelegt und die Polizei informiert. Sofort, als Krombach wieder in der Lage war zu sprechen, soll er gesagt haben: „Bamberski war es!“

          André Bamberski muss sich nun wegen Entführung, Freiheitsberaubung, Beihilfe zur Gewaltanwendung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verantworten. Dafür könnte er mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden. Dass er von der Entführung wusste, hat der heute Sechsundsiebzigjährige nie bestritten. „Ich habe einem Projekt zugestimmt, über das ich informiert worden bin“, gab Bamberski von Beginn an zu. 19.000 Euro, die er bei seiner Festnahme in Mulhouse am Tag des Auffindens von Krombach bei sich trug, seien als Entschädigung für die Entführer gedacht gewesen, nicht als Entgelt für eine in Auftrag gegebene Entführung. Bamberski legte, so seine Darstellung, nicht selbst Hand an, er gab jedoch seine Einwilligung zur Tat.

          André Bamberski

          Am Wochenende von Krombachs Entführung war er von seinem Wohnort bei Toulouse über Paris nach Mulhouse gereist, wo er am Sonntagnachmittag des 18. Oktober 2009 eintraf. Seine mutmaßlichen Handlanger bei der Entführung, ein Kosovare und ein Georgier, stehen ebenfalls vor Gericht.

          „Monsieur A.“, wie André Bamberski seinen 43 Jahre alten kosovarischen Helfer nennt, habe ihn während eines Aufenthalts in Bregenz am 9. Oktober desselben Jahres in seinem Hotel aufgesucht. Wie seit vielen Jahren schon war Bamberski an den Bodensee gereist, um Krombach, der bei Lindau lebte, zu überwachen. „Ich erzählte dort überall, warum ich gekommen war“, erklärt sich Bamberski. „Die Leute kannten mich längst.“ Sein Mitangeklagter habe von seiner Geschichte gewusst. „Monsieur A. sagte, er sei selbst Vater,  und er wolle mir helfen.“ Mit „helfen“ meinte er die Verschleppung Krombachs über die Grenze nach Frankreich ins Elsass. Damit befand sich André Bamberski am Ziel seines Kampfes – dem um Gerechtigkeit für seine Tochter.

          Das Drama begann mit Kalinka Tod

          Das spektakuläre Justizdrama beginnt mit dem Tod von Bamberskis damals 14 Jahre alter Tochter Kalinka vor mehr als 30 Jahren. Wie jeden Sommer hatte das Mädchen einen Teil der Ferien gemeinsam mit dem jüngeren Bruder bei der Mutter und deren neuem Ehemann, dem Kardiologen Dieter Krombach, am Bodensee verbracht. Eines Morgens im Juli 1982 lag Kalinka tot in ihrem Bett. Krombach gab an, er habe seiner Stieftochter am Vorabend ein Eisenpräparat zur Bräunung und später ein Beruhigungsmittel gespritzt. Daher die Einstichstellen an den Armen, auf die der Obduktionsbericht hinwies.

          Ein Unglück also? Die Polizei schenkte den Erklärungen Krombachs offenbar Glauben. Blutspuren im Slip und ein oberflächlicher Riss an der Scheide führten zu keinen weiteren Ermittlungen. Auf Betreiben des misstrauischen leiblichen Vaters, André Bamberski, wurde Kalinkas Leichnam zu einer weiteren Obduktion exhumiert. Die Genitalien und innere Organe des Mädchens waren, wie sich zeigen sollte, verschwunden. Hatte da jemand Spuren absichtlich verschwinden lassen? Die deutsche Justiz klärte auch nicht auf, warum so schlampig ermittelt worden war. Ebenso wenig wie sie sie Dieter Krombach an Frankreich auslieferte.

          Für Bamberski hingegen begann ein Lebenskampf. Er ließ nicht locker, nachdem die deutschen Behörden die Ermittlungen im den Fall 1987 eingestellt hatten. Auf sein Betreiben hin wurde Krombach 1995 in Abwesenheit der Prozess gemacht. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge verurteilte ihn ein Pariser Schwurgericht zu einer Haftstrafe von 15 Jahren.

          Dafür, dass Dieter Krombach –  inzwischen 79 Jahre alt und gesundheitlich schwer angeschlagen, weshalb er beim Prozess in Mulhouse nicht anwesend sein wird – diese Strafe nun doch absitzt, sorgte Bamberski. Zumindest mittelbar, indem er der Entführung zumindest zustimmte. Denn nachdem Krombach im Herbst 2009  – wenn auch durch eine Straftat – auf französisches Territorium gelangt war, stellte ihn die Justiz abermals vor Gericht und befand ihn der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig.

          Bamberski wird auf Freispruch plädieren

          1997 war Krombach in Kempten  zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden: Er hatte eine 16 Jahre alte Patientin mit Schlafmittel ruhig gestellt und sexuell missbraucht. Das ließ die Todesumstände Kalinkas in einem anderen Licht erscheinen. Im Pariser Prozess von 2011 berichteten zudem mehrere Frauen, wie ihnen Krombach auf ähnliche Weise zu nahe gekommen war. Dieter Krombach hat dieses Urteil zweimal angefochten. Im April 2014 hat es das Pariser Kassationsgericht aber bestätigt.

          Wie schwer nun André Bamberskis Schuld vor einem französischen Gericht wiegt, wird sich wohl am Ende des auf zwei Tage festgesetzten Prozesses in Mulhouse zeigen.  Bamberski selbst ist sich keiner Schuld bewusst. „Was geschehen ist, wäre Aufgabe der französischen  Justiz gewesen“, sagt er.  In seinen Augen hat er einen Mörder seiner gerechten Strafe zugeführt. Er hat Genugtuung erfahren. Sein Anwalt, sagt Bamberski, werde auf Freispruch plädieren.

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