https://www.faz.net/-gum-891jf

Fall Jenisa : Aus Wut getötet

Späte Strafe: Ibrahim B. auf der Anklagebank Bild: dpa

Späte Gerechtigkeit im jahrelang ungeklärten Fall Jenisa: Das Landgericht Hannover hat den Angeklagten wegen Mordes an dem Mädchen zu lebenslanger Haft verurteilt. Es war nicht das erste Kind, das er tötete.

          Acht Jahre alt war das Mädchen Jenisa, als es vor acht Jahren verschwand. Am Donnerstag nun wurde ihr Mörder, der 44 Jahre alte Ibrahim B., vor dem Landgericht Hannover zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Es ist das Ende einer verhängnisvollen Geschichte, in deren Verlauf noch ein weiteres Kind, der fünf Jahre alte Dano, ermordet wurde.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Seinen Ausgang nimmt das Geschehen am 7. September 2007, als Jenisa die Wohnung ihrer Eltern verließ, um ihre Tante in einem berüchtigten Hannoveraner Wohnblock namens Ihme-Zentrum zu besuchen. Im Fahrstuhl der heruntergekommenen Betonwüste wurde das Mädchen noch von Zeugen gesehen. Kurz danach geriet das aus einer albanische Roma-Familie stammende Mädchen in die Gewalt ihres Mörders, des Türken Ibrahim B. Dieser war damals der Lebensgefährte von Jenisas Tante.

          Unter Verdacht, mit dem Verschwinden des Mädchen zu tun zu haben, geriet Ibrahim B. schon bald. Er hatte kein Alibi, soll mit dem Mädchen noch in seinem Auto gesehen worden sein, und er soll in der Nähe des späteren Fundorts der Kleidung von Jenisa gewesen sein, die man drei Tage nach ihrem Verschwinden an einer Autobahnauffahrt fand. Über Wochen saß Ibrahim B. deshalb in Untersuchungshaft. Doch das Landgericht Hannover lehnte eine Anklage wegen Kindesentziehung ab. Damals glaubten die Behörden noch, Jenisa könnte noch am Leben sein.

          Der vielfach vorbestrafte Ibrahim B. kam also frei und zog ins nordrhein-westfälische Herford, kurz hinter die Landesgrenze. Immer wieder fiel er dort durch Gewalttaten auf, unter anderem wurde gegen ihn ermittelt, weil er sein eigenes Kind schwer verletzt haben soll. Es gab Polizeieinsätze und Anzeigen von Jenisas Tante, die diese später aber immer wieder zurückzog.

          Im März 2014 verschwand dann der fünf Jahre alte Dano aus der Nachbarschaft des Paars. Im April gestand Ibrahim B., den Jungen getötet zu haben. Vor Gericht sagte er im vergangenen Jahr aus, er habe den Jungen aus Wut über einen Streit mit seiner Lebensgefährtin erschlagen, die kurz zuvor aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen sei.

          Zuvor, in der Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede, hatten es Mitgefangene mit einer List geschafft, Ibrahim B. auch als Mörder von Jenisa zu überführen. Sie hatten ihm erzählt, gute Kontakte nicht nur zu einem Anwalt zu haben, sondern auch zu Leuten, die einen Leichnam verschwinden lassen könnten. Dafür allerdings müsse Ibrahim B. schriftlich genau darlegen, was passiert sei und auch den Fundort der Leiche bekanntgeben. Ibrahim B. beschrieb also mehrere Seiten lang den Tathergang und zeichnete eine Karte. Endlich gab es das Geständnis, dass die Polizei Ibrahim B. nicht hatte entlocken konnte.

          Im September 2014 konnte die Polizei so die sterblichen Überreste Jenisas in einem Waldstück zwischen den Wunstorfer Ortsteilen Blumenau und Liethe ausfindig machen, etwa sieben Kilometer von der Stelle entfernt, an der 2007 Kleidungsstücke des Mädchens gefunden worden waren.

          Ein Jahr später begann dann vor dem Landgericht Hannover der zweite Mordprozess gegen Ibrahim B. Die Familie Jenisas trat als Nebenkläger auf. Die Familie sei nach der Tat „kaputt“, berichtete der Vater des toten Mädchens. Die Mutter sei in ärztlicher Behandlung, er selbst könne nicht mehr arbeiten.

          Als Richter Wolfgang Rosenbusch am Donnerstag sein Urteil verkündet, wirft er Ibrahim B. in seiner Begründung auch vor, er habe „beschlossen, die Familie in Unglück, in Verzweiflung zu stürzen“. Mit dem Strafmaß entsprach das Schwurgericht der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die Nebenklage hatte zudem die Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld und eine Sicherungsverwahrung gefordert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kamala Harris : Patriotisch gegen Trump

          Kamala Harris ist die neueste Kandidatin, die 2020 gegen Donald Trump antreten will. Sie war die zweite schwarze Senatorin in der Geschichte des Landes und will als erste Präsidentin abermals Geschichte schreiben.

          Handball-WM : Kroatiens Wut auf die Schiedsrichter

          Deutschland spielt ohnehin dank des Publikums in der Kölner Halle quasi zu acht bei der Handball-WM: Die Kroaten monieren nach der 21:22-Niederlage, dass zudem die Schiedsrichter geholfen hätten.
          Charlotte Brontës junge Heldin war beim Blättern in einem Buch glücklich wie selten. Diese speziell dafür vorbereitete Ausgabe von „Jane Eyre“ lässt sich nach der Lektüre so falten, dass – wahlweise — eine Aufforderung oder eine Verlockung zu lesen ist.

          Erklärung von 130 Forschern : Zur Zukunft des Lesens

          Bildschirme und bedrucktes Papier sind als Lesemedien nicht gleichwertig: Mehr als 130 Leseforscher aus ganz Europa haben eine Erklärung zur Zukunft des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung unterzeichnet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.