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Fall Etan Patz : Auf ewig verschwunden

  • -Aktualisiert am

Hat Pedro Hernandez Etan Patz vor mehr als 35 Jahren ermordet? Bild: AP

Vor mehr als 35 Jahren verschwand ein kleiner Junge in Manhattan auf dem Weg zum Schulbus. Jetzt wird der Fall Etan Patz vor Gericht verhandelt. Er gehört zu den rätselhaftesten Verbrechen der Stadt.

          Die Staatsanwältin hatte die Geschworenen schon gewarnt. Als Etan Patz vor mehr als 35 Jahren auf dem Weg zum Schulbus in Manhattan verschwand, sagte Joan Illuzi-Orbon in ihrem Eröffnungsplädoyer, gab es kein Internet, keine Registrierung von Autokennzeichen und keine Erbgutanalyse. Da der Leichnam des Sechsjährigen nie gefunden wurde, konnte die Gerichtsmedizin auch keinen Obduktionsbericht erstellen. „Dieser Fall wird viel Detektivarbeit im Stil Columbos erfordern“, sagte Illuzi-Orbon in Anspielung auf den Fernsehpolizisten, der selbst die kompliziertesten Fälle mit einem Gespür für Nebensächliches löste.

          Die Anklägerin lenkte die Aufmerksamkeit der zwölf Geschworenen gleich zu Beginn des Prozesses gegen Etans mutmaßlichen Mörder Pedro Hernandez auf die Brotdose des Jungen. Wie eine frühere Nachbarin aussagte, hatte Etan die Dose am 24. Mai 1979 an der Bushaltestelle vergessen. Karen Jansons brachte die Metallbüchse später in einen Gemischtwarenladen, wo der Schüler sie noch am selben Tag wieder abholte. Am nächsten Tag verschwand er. Der angeklagte Hernandez arbeitet damals als Aushilfe in dem Geschäft, das Illuzi-Orbon „Tatort“ nennt.

          Der Fall Patz, der seit vergangener Woche vor dem State Supreme Court in Manhattan verhandelt wird, gehört zu den rätselhaftesten Verbrechen der Stadt. Etans Mutter Julie Patz, heute 72 Jahre alt, sagte aus, dass sie ihrem Sohn am Morgen seines Verschwindens nach langem Zögern erlaubt hatte, den Weg zur zwei Straßen entfernten Schulbushaltestelle zum ersten Mal allein zu gehen. „Ich blickte ihm einen Block lang nach, bevor ich mich umdrehte und nach oben in die Wohnung ging. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah.“ Den Dollarschein, mit dem Etan sich in dem Gemischtwarenladen an der Ecke eine Limonade kaufen wollte, hielt er in der linken Hand. „Er glaubte, sehr erwachsen zu sein und sich von seinem selbstverdienten Geld allein etwas kaufen zu können“, sagte Patz.

          Als der Sechsjährige am Nachmittag nicht nach Hause kam, begann in dem Viertel an der Prince Street die Suche. Hunderte Polizisten streiften mit Spürhunden durch Keller und Innenhöfe; die Ermittler richteten im Loft der Familie eine provisorische Einsatzzentrale ein. Etan blieb aber verschwunden. Auch sein Stoffbeutel mit den Zirkuselefanten und die Kappe der Eastern Airlines, die er jeden Morgen aufsetzte, tauchten nie wieder auf. Sein fröhliches Gesicht strahlte in den nächsten Jahren unter dem Schriftzug „Vermisst“ von Millionen amerikanischen Milchkartons. Das Gefühl, Kinder allein auf die Straße schicken zu können, ging in Amerika damals verloren.

          Etans Tod hat Hernandez schon vor Jahrzehnten beschrieben

          Als das FBI nach der verdächtigen Aussage eines Handwerkers vor zweieinhalb Jahren abermals einen Kellerboden an der Prince Street aufstemmte und bei den New Yorkern die Erinnerung an Etan wach rief, meldete sich Jose Lopez bei der Polizei. Hernandez, der Bruder seiner Frau, hatte angeblich schon vor langem zugegeben, ein Kind getötet zu haben. Am Donnerstag bestätigte ein Zeuge Lopez’ Version. Ramon Rodriguez sagte aus, damals 18 Jahre alte Hernandez habe ihm wenige Monate nach Etans Verschwinden bei einem Kirchenausflug den Mord gestanden. Hernandez habe gesagt: „Ich führte ihn in den Keller und nahm einen Stock, um ihn immer wieder damit zu stoßen.“ Ob Hernandez den Jungen auch vergewaltigte, wusste der 75 Jahre alte Fabrikarbeiter dagegen nicht. Auf die Frage der Staatsanwaltschaft schloss er einen sexuellen Missbrauch erst aus, versicherte wenige Minuten später bei einem Kreuzverhör aber, Hernandez habe auch von der Vergewaltigung des Jungen gesprochen.

          Hernandez’ Verteidiger Harvey Fishbein versuchte bislang, das Geständnis seines Mandanten von 2012 als Phantasie eines geistig Gestörten mit niedrigem Intelligenzquotienten abzutun. Nun könnte Rodriguez’ Aussage den Prozess entscheiden. Sie zeigt, dass der Angeklagte nach seiner Festnahme im Sommer 2012 nicht bloß eine Geschichte erfand, sondern Etans Tod bereits Jahrzehnte zuvor beschrieben hatte. Staatsanwältin Illuzzi-Orbon sagte, Hernandez solle auch seiner früheren Frau Daisy Hernandez und seinem Freund Mark Pike berichtet haben, er habe in New York einen Jungen getötet.

          Die Organisation The Innocence Project kritisierte, ein Geständnis bekämen Geschworenen nicht mehr aus dem Kopf; für Laien scheine es nicht nachvollziehbar, dass jemand ein falsches Geständnis ablege. Nach der Verhaftung im Mai 2012 hatte Hernandez bei drei Anhörungen, die per Video aufgezeichnet wurden, genau beschrieben, wie er Etan mit dem Versprechen einer Limonade in den Keller lockte. Als er den Jungen von hinten würgte, habe der Sechsjährige verzweifelt mit den Beinen gestrampelt. „Es war, als hätte mich etwas gepackt. Ich habe ihn einfach gewürgt“, sagte der Vierundfünfzigjährige damals. Dann stopfte Hernandez den bewusstlosen Etan angeblich in einen Müllsack, den er in einen Pappkarton an eine Gasse der Prince Street stellte. Der Karton wurde nie gefunden. „Er ist der einzige Belastungszeuge gegen sich selbst. Und er ist nicht zuverlässig“, sagte Hernandez’ Verteidiger Fishbein. Illuzzi-Orbon kündigte derweil die Aussagen zweier Psychiater an. Hernandez habe seine psychische Erkrankung schon vor Jahren erfunden, um Sozialleistungen zu erschleichen.

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