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Fall Bergisch Gladbach : Er führte ein bürgerliches Leben

Der Angeklagte (r) im Prozess wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern wird von einem Justizbeamten in den Gerichtssaal geführt. Bild: dpa

In Köln hat der Prozess gegen Jörg L. begonnen. Ihm wird Grauenhaftes vorgeworfen: Er soll beinahe täglich seine eigene Tochter missbraucht haben – und Teil eines riesigen Pädophilenrings sein.

          5 Min.

          Selbst im nüchternen Ton einer Anklageschrift bleibt die Auflistung des Grauens unerträglich, das Jörg L. seiner 2017 geborenen Tochter bis zum Herbst 2019 beinahe täglich angetan haben soll. Nach Erkenntnissen der Ermittler hat der 43 Jahre alte Mann das Mädchen vom dritten Lebensmonat an fortwährend sexuell gequält. Zuletzt soll er seine Tochter regelmäßig vergewaltigt haben. Den Ermittlern zufolge fertigte L. von den Verbrechen auch Fotos oder Videomitschnitte an, stellte die Dokumente in einschlägigen Chats anderen Pädokriminellen zur Verfügung und nahm an Livechats teil. Zudem soll sich L. per Internet immer wieder mit Bastian S., einem mittlerweile verurteilten Pädokriminellen aus Kamp-Lintfort, getroffen haben, um ihm seine Tochter zuzuführen. Im Gegenzug soll sich L. dann an den beiden kleinen Kindern von S. vergangen haben.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Anklageschrift gegen Jörg L. umfasst weit mehr als 100 Seiten und listet 79 Straftaten auf. Am Montagmorgen dauert es im Landgericht Köln mehr als eine Stunde, bis die Staatsanwältin alle Vorwürfe vorgetragen hat. Es ist ein erschütterndes Dokument der Entgrenzung. Auf den Videos und Bildern ist demnach zu sehen, wie sich L. immer hemmungsloser an seiner Tochter verging – und wie das größer werdende Kind sich verzweifelt gegen seinen Vater zur Wehr zu setzen versuchte. In einer Filmsequenz ist das damals gerade zwei Jahre alte Kind demnach zu hören, wie es laut „Mama, Aua, Nein“ ruft. Im Herbst vergangenen Jahres sollen Jörg L. und Bastian S. schließlich abermals verabredet haben, sich ihre Kinder gegenseitig zuzuführen. Laut Anklage besprachen die Männer, ihre Kinder mit Schokolikör gefügig zu machen. Auch Reizwäsche in Kindergrößen und Sexspielzeug sollen sie schon besorgt haben. Zu dem Treffen kam es wohl nur deshalb nicht, weil L. im Oktober nach einem Hinweis von Ermittlern aus Kassel festgenommen wurde.

          Als Polizei und Staatsanwaltschaft Jörg L. im vergangenen Jahr auf die Spur kamen, ahnten sie nichts von der Dimension des Abgrunds. Noch immer sind die Ermittlungen in einem der bisher größten Missbrauchskomplexe in Deutschland nicht abgeschlossen, noch immer sind 130 Kriminalbeamte der Besonderen Aufbau-Organisation (BAO) „Berg“ mit der Aufklärung befasst. Es begann im vergangenen Oktober mit der Durchsuchung von L.s Wohnung in Bergisch Gladbach bei Köln. Seither haben Polizei und Staatsanwaltschaft nicht nur im Bergischen Land, sondern in allen 16 Bundesländern Tatverdächtige identifiziert. 71 Hinweise hat die im Kölner Polizeipräsidium angesiedelte BAO „Berg“ – eine der größten Ermittlungsgruppen in der Geschichte Nordrhein-Westfalens – bisher an Behörden in anderen Ländern weitergeleitet.

          50 Opfer zwischen drei Monaten und 15 Jahren

          Allein in Nordrhein-Westfalen werden mittlerweile 83 Personen, die mit dem Fall „Berg“ verbunden sind, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und/oder die Verbreitung und der Erwerb von kinderpornographischen Schriften vorgeworfen. Gegen zehn Personen wurde bislang Anklage erhoben, zehn Verdächtige sitzen in Haft. Rund 50 Opfer im Alter zwischen drei Monaten und 15 Jahren konnten mittlerweile identifiziert und aus den Fängen ihrer Peiniger befreit werden.

          Ihren Namen bekam die BAO vom Wohnort des Hauptverdächtigen. Doch längst könnte „Berg“ auch für die enormen Datenmengen stehen, die Ermittler nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in Berlin, Schleswig-Holstein, Hessen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder im Saarland bei Tatverdächtigen sichergestellt haben – und die bis heute immer wieder zu neuen Verdächtigen führen. Am 25.August beginnt in Wiesbaden die Hauptverhandlung gegen einen 39 Jahre alten Mann, der seine leiblichen Kinder – darunter ein Säugling – und sein Stiefkind zwischen Anfang 2014 und Ende 2019 mindestens 291 Mal sexuell missbraucht haben soll.

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