https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/fall-ayleen-a-anzeige-gegen-verdaechtigen-blieb-lange-unbearbeitet-18219503.html

Strafanzeige bereits im Mai : Hat die Polizei im Fall Ayleen A. versagt?

Die Ermittlungsbehörden informieren während einer Pressekonferenz zum Tod der 14-jährigen Ayleen A. aus Gottenheim bei Freiburg. Bild: dpa

Der mutmaßliche Mörder soll im Frühjahr schon eine andere Schülerin belästigt haben. Gegen ihn wurde auch Anzeige erstattet. Diese blieb aber lange unbearbeitet.

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          Der mutmaßliche Mörder der 14 Jahre alten Ayleen A. aus dem südbadischen Gottenheim soll nach Informationen der F.A.Z. schon kurz nach Beendigung der Führungsaufsicht im Januar ein 17 Jahre altes Mädchen in Hessen belästigt haben. Ende April soll er auf dem Blütenfest in der Stadt Rosbach vor der Höhe im hessischen Wetteraukreis die Schülerin zunächst angesprochen und danach per Smartphone und durch mehrfache Be­suche auf dem Schulhof einer Schule in Bad Nauheim zur Aufnahme einer Liebesbeziehung gedrängt haben.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Er soll die junge Frau fast täglich über einen Messenger-Dienst angeschrieben haben. Als sie sich wehrte, soll er ihr mit Suizid gedroht haben. „Dann fahr’ ich gegen einen Brückpfeiler“, soll er ihr geschrieben haben. Immer wieder soll der mutmaßliche Mörder von Ayleen A. zur Schule gefahren sein und versucht haben, das Mädchen in sein Auto zu locken. Außerdem bot er ihr an, sie nach Hause zu fahren oder mit ihr essen zu gehen.

          Die Schule stand im Kontakt mit der Polizei

          Zum Glück ließ sich das Mädchen darauf aber nicht ein. Viele Mitschüler und ihre Klassenkameraden wussten aber von dem aufdringlichen Mann. Zum Schutz des Mädchens fertigte ein Bekannter sogar ein Handy-Foto des Verdächtigen an – es soll das Mädchen vor dessen Auto zeigen. „Die Klassenlehrerin wusste davon, die Schule stand im Kontakt mit der Polizei. Der Schulleiter hatte ihm sogar einen Schulverweis erteilt und ­diesen per Post zustellen lassen“, bericht ein Informant der F.A.Z.

          Das Blütenfest in Rosbach vor der Höhe am Rande des Taunus südwestlich von Friedberg fand in diesem Jahr vom 22. bis zum 24. April statt. Der Beschuldigte arbeitete als Hilfsarbeiter bei einem Fahrgeschäft und überwachte ein Karussell namens „New Yorker“. Schon wenige Tage nach dem Ende des Jahrmarkts wurde bei der Polizeidienststelle in Friedberg Anzeige wegen Nötigung erstattet. Die Anzeige bezog sich auf Belästigungen des Beschuldigten, am 28. April, sowohl ­verbal als auch per Textnachricht. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen bestätigte, dass die Strafanzeige Anfang Mai gestellt worden war. „Zum angegebenen Tatzeitpunkt stand der Beschuldigte nicht mehr unter Führungsaufsicht“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft der F.A.Z. Es gebe gegen den Mann allerdings noch ein weiteres Ermittlungsverfahren wegen Ladendiebstahls.

          Vita und Vorstrafen waren bekannt

          Nach der Strafanzeige soll die Polizei in Friedberg „diverse Maßnahmen“ ver­anlasst haben. Von Mai bis Ende Juli gab es aber nur eine Gefährderansprache – also in dem Zeitraum, in dem der polizeibekannte Mann per Fortnite-Chat den Kontakt zu der erst 14 Jahre alten Ayleen A. in Gottenheim anbahnte, die er dann Ende Juli mutmaßlich entführte und tötete. Nach Darstellung des Bekannten der 17 Jahre alten Schülerin soll er die Schule nach der Erstattung der Anzeige und nach der Gefährderansprache noch „zwei- bis dreimal“ aufgesucht haben, der Schul­leiter habe die Polizei über seine Besuche informiert. „Passiert ist nichts“, sagt der Informant.

          Dem Kriminalbeamten in Friedberg seien Vita und Vorstrafen des mutmaß­lichen Täters bekannt gewesen. Ein Sprecher der Friedberger Polizei teilte auf Anfrage mit: „Eine Strafanzeige wegen des Verdachts der versuchten Nötigung zum Nachteil einer aus dem Wetteraukreis stammenden Siebzehnjährigen wurde am Montag, dem 2. Mai 2022 bei der Polizei in Friedberg erstattet. Mehreren Vor­ladungen zur Beschuldigtenvernehmung kam dieser nicht nach.“

          Zehn Jahre in psychiatrischer Klinik

          Obwohl es sich um einen gefährlichen ehemaligen Sexualstraftäter handelte, wurde die Anzeige von der Polizei dennoch ausgesprochen langsam bearbeitet. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Gießen liegt ihr die Strafanzeige erst seit Dienstagmittag vor, also nach mehr als zwei Monaten und zu spät, um Ayleen A. noch vor dem Mann schützen zu können. Nach einem Bericht von „Focus Online“ wollten die Behörden die Führungs­aufsicht über den Mann Anfang 2022 verlängern, er klagte dagegen und bekam Recht.

          Der mutmaßliche Mörder von Ayleen A. hatte 2007 im Alter von 14 Jahren ein elf Jahre altes Mädchen von hinten angefallen und danach auch sexuell missbraucht. Von 2007 bis 2017 war er im Rahmen des Maßregelvollzugs in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Danach hatte ihn die zuständige Strafvollstreckungskammer unter Führungs­aufsicht gestellt.

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