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Expertin im Gespräch : „Amoktäter streben alle nach Grandiosität“

Nach der Amoktat am Olympia-Einkaufszentrum herrschen in München Trauer und Entsetzen. Eine Expertin sagt: Die Psychen von Amoktätern ähneln sich. Bild: dpa

Amokläufer sind empathielos und selbstverliebt – und kommen oft aus guten Elternhäusern. Die Kriminologin Britta Bannenberg über die psychopathologischen Züge der Täter.

          Frau Bannenberg, Sie haben die Amoktaten in Deutschland der vergangenen 20 Jahre analysiert, darunter die Fälle von Erfurt, Emsdetten und Winnenden. Am Freitag hat abermals ein junger Täter zugeschlagen, neun Menschen und sich selbst getötet und ganz München in Angst und Schrecken versetzt. Kann man Amoktäter überhaupt als solche erkennen, bevor sie töten?

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Amoktäter ist ein Einzelgänger, hat kaum Freunde, ist nicht besonders aggressiv oder impulsiv, interessiert sich für Waffen und fühlt sich permanent gekränkt. In unseren Fallanalysen haben wir mit überlebenden Tätern gesprochen, mit Angehörigen und Opfern. Wir haben Strafakten ausgewertet und psychologische Autopsien von toten Tätern vorgenommen. Die 21 Täter, die wir untersucht haben, tragen allesamt psychopathologische, also narzisstische und paranoide Züge.

          Gibt es ein Merkmal, das besonders hervorsticht?

          Die vermeintlichen Kränkungen. Die Täter fühlen sich alle extrem schlecht behandelt. Aber ohne, dass es dafür konkrete Anhaltspunkte gibt, also wirklich erfahrenes Unrecht. Sie wurden weder gemobbt, noch wurde ihnen gekündigt. Bei jugendlichen Tätern sind es eher unbedachte Sprüche von Mitschülern wie „Was hast du denn da an?“ Oder ein Lehrer, der vielleicht sagt: „Na, Max hat heute seine Hausaufgaben wieder nicht gemacht?!“

          Britta Bannenberg, Professorin an der Justus-Liebig-Universität Gießen

          Was bedeutet das für die potentiellen Täter?

          Sie sammeln diese „Kränkungen“, oft über Jahre. Sie verzeihen nichts. Und es brodelt in ihnen. Rachegedanken formen sich zu einem nicht rational begründeten Hass, entweder auf alle oder auf bestimmte Gruppen wie Frauen, Mitschüler oder Arbeitskollegen. Der Hass muss sich dann entladen. Im Internet finden sie genug Vorbilder, denen sie nacheifern wollen. Der Täter von Orlando zum Beispiel soll Frauen und Homosexuelle gehasst haben.

          Wie stark wirken Zurückweisungen durch Frauen?

          Die von uns untersuchten Täter hatten alle keine oder kaum emotionale Beziehungen oder sexuelle Erfahrungen. Sie schwärmen durchaus mal für ein Mädchen. Wenn sich dieses aber nicht für sie interessiert, kann daraus Hass entstehen. Aus der „süßen Nadine“ im Tagebuch wird dann die „Schlampe“, die man „abschlachten“ will – wie alle Frauen. Ein Täter zum Beispiel wollte Kontakt zu einigen Frauen in seinem Betrieb aufnehmen, diese wollten aber nicht. Es war keine barsche Zurückweisung, sie wollten einfach den Kontakt nicht. Jahre später hat er dann an seinem Arbeitsplatz mit einem Schwert eine Frau getötet und drei schwer verletzt. Drei weitere Frauen konnten fliehen.

          Für diese Täter gilt also: Schuld haben immer die anderen? Ist das nicht oft ein speziell männlicher Wesenszug, der von diesen Tätern ins Extreme gesteigert wird?

          Sicherlich. In unserer Tätergruppe waren nur zwei Frauen. Die Täter zeigen alle narzisstisch-paranoide Züge. Und dann verbindet sich ihr Hass, weil das Leben nicht so klappt, mit dem Streben nach „Grandiosität“. Mit der Tat wollen sie diese erreichen.

          Den Selfie-Wahn gibt es noch nicht lange, aber der Täter von Orlando zum Beispiel hat sich gerne im Badezimmerspiegel fotografiert.

          Das ist alles Ausdruck des Narzissmus. Es gipfelt in einer Selbststilisierung zum „Helden“ oder „Rächer“, um die gefühlte Bedeutungslosigkeit zu übertünchen. Dazu brauchen die Täter die Amoktat, sie „spiegeln“ sich in der Tat.

          Gibt es Warnhinweise?

          Wir haben in der Analyse von 140 angedrohten Amoktaten viele Hinweise ausmachen können. Schüler zum Beispiel haben oft ein gutes Gespür dafür, wenn ihnen ein Mitschüler Angst macht. Das kann sich darin zeigen, dass der kauzige Einzelgänger auf einmal viel über Waffen oder Taten wie das Columbine-Highschool-Massaker spricht, die er „cool“ findet. Oder die Mädchen mit einem Handy-Foto mit Gewaltszenen schocken will. Diese Dinge sollte man in der Schule wahrnehmen und Krisenteams sowie die Polizei einschalten. Bei Erwachsenen hingegen werden Warnsignale oft nicht ernst genommen – auch nicht, wenn die Täter als Sportschützen Zugang zu Schusswaffen haben.

          Aus was für Elternhäusern kommen die jugendlichen Täter?

          Aus bürgerlichen, durchaus wohlhabenden Verhältnissen. Die meisten Drohungen gibt es an Gymnasien. Doch schaut man hinter die Fassade, sieht man, dass in diesen Familien alle so nebeneinander her laufen. Es ist keine emotionale Wärme vorhanden. Meist geht es um eine Aufrechterhaltung des Status quo nach außen. Konflikte werden nicht ausgetragen.

          Überlebende haben berichtet, dass die Täter eiskalt vorgegangen sind, immer wieder nachgeladen haben. Andreas Lubitz soll ganz ruhig geatmet haben, als die Crew an die Cockpittür gehämmert hat.

          Bei Amoktätern wie diesem findet man eine absolute Empathielosigkeit. Manchmal ist diese genetisch bedingt, manchmal Teil einer psychischen Erkrankung wie einer paranoiden Schizophrenie. Dazu kommt, dass die Täter in der Regel nicht nur die Tat, sondern auch ihren Suizid lange vorher planen. Die haben nichts mehr zu verlieren.

          Britta Bannenberg

          Sie ist Professorin für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das dreijährige Projekt, das jetzt abgeschlossen wurde, ist Teil des interdisziplinären Forschungsverbunds über „hoch expressive zielgerichtete Gewalt“. Gefördert wurde es von der Bundesregierung als Teil des Forschungsprogramms „Urbane Sicherheit“.

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