https://www.faz.net/-gum-96fm4

Fehlende Toleranz : Stinkefinger an der Ampel

  • Aktualisiert am

Ein Fahrer zeigt aus seinem Auto heraus den Mittelfinger – nimmt die Aggressivität auf den Straßen zu? Bild: dpa

Dichtes Auffahren, Drängeln, Linksfahren, nicht Blinken: Solches Verhalten nimmt laut Fachleuten auf deutschen Straßen zu. Sie fordern unter anderem eine Anhebung der Bußgelder.

          2 Min.

          Eine Frau aus Bremen fährt bei Göttingen auf dem Überholstreifen der Autobahn 7. Von hinten rast ein Sport-Kombi heran und fährt dicht auf. Der Fahrer hupt und betätigt die Lichthupe. Die Bremerin erschrickt und verliert die Kontrolle. Der Kleinwagen schleudert, überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. Die Fahrerin ist schwer verletzt.

          Fälle wie diesen haben Experten vor Augen, wenn sie die zunehmende Aggressivität auf Deutschlands Straßen kritisieren. Die Bußgelder müssten erhöht werden, fordern Teilnehmer des 56. Verkehrsgerichtstages (VGT), der in dieser Woche in Goslar zusammenkommt.

          „Es gibt aggressives Verhalten vor allem auf den Autobahnen“, hat VGT-Präsident Kay Nehm festgestellt: „Behindern, Linksfahren, in der Mitte Fahren – das hat sich bedauerlicherweise breitgemacht“, sagt der frühere Generalbundesanwalt.

          Ähnlich sieht man es beim Autoclub AvD: Aggressives Verhalten im Straßenverkehr gehe fast immer auch mit groben Regelverletzungen einher, sagt Sprecher Herbert Engelmohr. Dabei werde die Schädigung Anderer zumindest billigend in Kauf genommen.

          „Die Toleranz von Straßenverkehrsteilnehmern nimmt ab“, hat auch der Verkehrsjurist Jörg Elsner beobachtet. „Das Phänomen wird jeden Tag deutlich an Verengungen von zwei Fahrspuren auf eine.“ Auch wenn es nur um einen Raumgewinn von einer Fahrzeuglänge gehe, seien Verkehrsteilnehmer häufig nicht bereit, andere Fahrer einfädeln zu lassen, sagt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwalt Vereins (DAV).

          Wer abbiegen will, blinkt häufig nicht

          Auch bei Unfällen spiele die fehlende Disziplin der Verkehrseilnehmer eine erhebliche Rolle, sagt Elsner. „Wer abbiegen will, blinkt häufig nicht.“ Und auch die Beachtung des rückwärtigen Verkehrs auf zweispurigen Fahrbahnen lasse deutlich nach. „Die Kraftfahrer ziehen einfach raus“, sagt der Verkehrsanwalt.

          Ein weiteres Problem seien „Kraftfahrer, die meinen, andere disziplinieren zu müssen, etwa indem sie die Überholspur blockieren“. Der Vorsitzende des Autoclubs ACE, Stefan Heimlich, fasst es so zusammen: „Bei vielen Verkehrsteilnehmern steht das Ich vor dem Wir.“

          Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren. Denn wissenschaftlich fundierte Daten zur Aggressivität im Straßenverkehr lägen nicht vor, sagt die Sprecherin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR), Julia Fohmann. Allerdings höre der DVR regelmäßig „von Seiten der Fahrlehrerschaft und der Polizei, dass aggressives Verhalten zunimmt“.

          „Wir stellen punktuell fest, dass die Aggressivität im Straßenverkehr steigt“, bestätigt Kurt Bartels vom Vorstand der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände. Möglicherweise spielten dafür erhöhte Arbeitsbelastung, Leistungs- und Zeitdruck eine Rolle, vermutet Wolfgang Schönwald von der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

          Obwohl es keine wissenschaftlichen Daten gebe, bestehe auch bei seiner Gewerkschaft der Eindruck, als ob zum Beispiel dichtes Auffahren oder Drängeln tatsächlich um sich griffen.

          Rekordzahl von 723.000 Staus

          „Viele Verkehrsteilnehmer wissen nicht mehr, wie man sich auf den Straßen korrekt benimmt“, sagt Bartels. „Sie kennen den Verkehrs-Knigge nicht“, glaubt der Fahrlehrer-Vorstand. „Vieles resultiert aber auch aus der zunehmenden Verkehrsdichte.“ Dafür spricht die Rekordzahl von 723.000 Staus im vergangenen Jahr, über die der ADAC in dieser Woche berichtete.

          Bild: dpa

          „Dass es immer enger und voller wird“, ist auch für ACE-Chef Heimlich „eine zentrale Ursache“ für die zunehmende Aggressivität. Viele Verkehrsteilnehmer reagierten genervt, wenn der Vordermann vermeintlich zu langsam fährt oder abrupt bremst. Andere parkten einfach in der zweiten Reihe.

          Helfen könne vor allem Gelassenheit, glaubt Kay Nehm. „Man muss sich darauf einstellen, dass die Straßen immer voller werden. Der heutige Verkehr funktioniert nur mit Rücksichtnahme“, sagt der VGT-Präsident.

          ACE-Chef Stefan Heimlich schlägt als „angemessene Reaktion auf die zunehmende Aggression im Straßenverkehr“ eine Anhebung der Bußgelder und die Verschärfung des Punktekatalogs vor. Der Verkehrsgerichtstag in Goslar wird darüber beraten.

          Zustimmung gab es bereits vom Automobil-Club Verkehr ACV, auch weil die Bußgelder für Verkehrsverstöße im europäischen Vergleich Schnäppchen seien. Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft will höhere Bußgelder, weil die derzeitigen Sätze selten abschreckend wirkten.

          Weitere Themen

          Polizei findet 135 Kilo Drogen durch Autounfall

          Auf A66 in Hessen : Polizei findet 135 Kilo Drogen durch Autounfall

          Zufällig macht die hessische Polizei einen beachtlichen Drogenfund: Auf der A66 wurde ein Camper auf dem Standstreifen von einem Lkw gerammt. Aus dem beschädigten Wohnwagen fallen anschließend 135 Kilo Marihuana auf die Fahrbahn.

          Lebenslang für Morde in Massagesalons

          Anschläge in Atlanta : Lebenslang für Morde in Massagesalons

          Im vergangenen Frühjahr erschoss ein Mann in Atlanta acht Menschen, darunter sechs Frauen asiatischer Abstammung. Der 22 Jahre alte Angeklagte bekannte sich nun vor Gericht schuldig – und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

          Topmeldungen

          Sieht den Fehler nicht bei sich: Olaf Scholz Ende April

          Cum-Ex : Schweigen über Steuertricks

          Alle Parteien begrüßen die höchstrichterliche Entscheidung zu Cum-ex, da die verwerfliche Praxis doch den Staat Milliarden gekostet hat. Der Bürger darf sich weiterhin fragen, wie es dazu kommen konnte.
          Guckloch: Blick auf die Altstadt Jerusalems mit dem Tempelberg

          Muslimisch-Jüdischer Dialog : Koscher oder halal?

          Ein muslimisch-jüdisches Paar bietet Anlass zu Projektionen. Ihre Ehe ist kein politisches Projekt – und führt doch in etliche Konfliktfelder. Davon berichten unsere beiden Kolumnisten von nun an in „Muslimisch-jüdisches Abendbrot“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.