https://www.faz.net/-gum-9o09t

Zahlreiche Mitwisser : Ex-Laienpriester für Missbrauch an Enkeltöchtern verurteilt

  • Aktualisiert am

Der Angeklagte und seine Ehefrau kommen in den AachenerGerichtsaal. Bild: dpa

Ein ehemaliger Laienpriester der Neuapostolischen Kirche missbrauchte seine beiden Enkelinnen. Als Familie und Kirche des Laienpriesters davon erfuhren, wurde gebetet. Erst 16 Jahre später folgt die Verurteilung.

          1 Min.

           Ein 75 Jahre alter früherer Laienpriester der neuapostolischen Kirche ist für den sexuellen Missbrauch an seinen beiden Enkelinnen zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. 16 Jahre nach der letzten Tat sprachen die Richter den Mann des sexuellen Missbrauchs in den vier Fällen, die er eingestanden hatte, schuldig. Sie ließen Revision zu.

          Zum Zeitpunkt der Taten waren die Enkelinnen im Kindergartenalter. Die Richter schlossen nicht aus, dass es mehr Übergriffe waren. Die Anklage beinhaltete 73 Fälle. Aber die Opfer hatten nach Angaben des Gerichts Schwierigkeiten, sich genau zu erinnern, weil sie ja noch so klein waren. Die 68 Jahre alte Ehefrau des Laienpriesters sprach das Gericht vom Vorwurf der Beihilfe frei. Den Richtern fehlte aber nach eigenen Angaben die Vorstellung, dass die Frau in der kleinen Aachener Wohnung nichts mitbekommen hatte.

          Zahlreiche Mitwisser blieben tatenlos

          Mit der Geburt des dritten Kindes wurden die Eltern bei der Betreuung der beiden älteren Töchter von der Verwandtschaft unterstützt – auch von den Großeltern, also dem Laienpriester und seiner Ehefrau, sagte die Vorsitzende Richterin Regina Böhme. Ein Mädchen nässte sich ein. Das andere sagte schließlich, warum es nicht mehr zum Opa wollte. Bei dem Missbrauch der größeren Schwester im Wohnzimmer und beider Mädchen zusammen im Schlafzimmer will die Ehefrau nichts mitbekommen haben, obwohl sie in der Wohnung war.

          Gewusst von dem Missbrauch habe der Kindsvater, der bei der Polizei arbeitete, der Onkel, ein angehender Arzt, und die neuapostolische Kirche, sagte Richterin Böhme: „Es passierte nichts, weil es dem Ansehen schaden würde. Stattdessen wurde gebetet.“ Die Kirche habe gesagt, man werde für die Kinder beten, es werde nicht zum Schaden der Kinder sein. Erst zwei Jahre danach, im Jahr 2005, entband die Kirche den Laienpriester, der auch Kindern Religionsunterricht gab, von seinen Ämtern.

          Die ältere Enkelin habe massive psychische Probleme bekommen und sei seit 2014 in Behandlung, sagte die Richterin. Die Mutter der Kinder hatte durch einen Beitrag auf einer Opfer-Plattform Ermittlungen ins Rollen gebracht. Ein Chat-Mitglied hatte daraufhin Anzeige erstattet.

          Weitere Themen

          Opfer böser Machenschaften?

          Missbrauchsprozess in Köln : Opfer böser Machenschaften?

          Erstmals hat ein amtierender Bischof in einem Missbrauchsprozess gegen einen Priester ausgesagt: Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße war am Dienstag in Köln als Zeuge geladen – er war 2011 mit dem Verdachtsfall befasst gewesen.

          Topmeldungen

          Schwieriger Besuch: Baerbock bei Lawrow im russischen Außenministerium

          Baerbock bei Lawrow : Frostige Begegnung in Moskau

          Annalena Baerbocks Treffen mit Russlands Außenminister verläuft höflich, aber angespannt. Die beiden tragen einander in erster Linie lange Listen an Differenzen vor. Und Lawrow ist gewohnt listig.
          Manfred Weber (links) applaudiert nach der Wahl Roberta Metsolas zur Präsidentin des  Europäischen Parlaments.

          Neue EU-Parlamentspräsidentin : Webers Deal und seine Folgen

          Roberta Metsola rückt an die Spitze des EU-Parlaments. Zu verdanken hat sie das vor allem dem Strippenzieher Manfred Weber. Die Grünen haben sie nicht gewählt – und zahlen dafür einen hohen Preis.