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EU-Bericht : Synthetische Drogen finden in Europa immer mehr Zulauf

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Beschlagnahmte Tabletten der Designer-Droge Mephedron, das auch als „Badesalz“ bezeichnet wird. Bild: dpa

Im vergangenen Jahr wurden in der Europäischen Union 73 bis dahin unbekannte, künstlich hergestellte Rauschmittel entdeckt worden. Damit erreicht die Zahl neu entdeckter Substanzen ihren bisherigen Höchststand.

          Sie werden als „Badesalz“, „Kakteendünger“ oder „Räuchermischung“ bezeichnet: Neue synthetische Drogen von teilweise obskurer chemischer Zusammensetzung gewinnen in der EU immer mehr Zulauf. Dies geht aus dem am Dienstag veröffentlichten jüngsten Jahresbericht der in Lissabon ansässigen EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) hervor.

          Demnach bleibt der Rauschmittelkonsum in den 27 EU-Staaten nach wie vor sehr hoch, auch wenn der Verbrauch von Cannabis und Kokain sowie die Zahl der Heroin-Einsteiger leicht rückläufig erscheinen. Insgesamt scheint sich der heutige Drogenmarkt dem Bericht zufolge weniger auf pflanzliche Rauschgifte zu stützen, die häufig lange Reisen bis Europa zurücklegen müssten.

          Erleichtert werde der Handel mit neuen illegalen Drogen durch das Internet, heißt es in dem Bericht weiter. Das World Wide Web biete einen Mechanismus für die rasche Verbreitung der Suchtmittel und sei zugleich ein „riesiger Marktplatz von weltweiter Ausdehnung.“ Den Experten der Drogenbeobachtungsstelle zufolge wurden im vergangenen Jahr 73 neue Psycho-Drogen entdeckt - gegenüber 40 im Jahr zuvor. Viele dieser Rauschmittel wirkten ähnlich wie Cannabis.

          Zahl neuer Substanzen steigt an

          2008 waren der EBDD noch 13 neue Substanzen gemeldet worden. Die Zahl neuer synthetischer Drogen kletterte danach rapide von Jahr zu Jahr an. 2012 erreichte sie ihren bisherigen Höchststand. Seit Einrichtung eines Frühwarnsystems im Jahr 1997 wurden der Drogenbeobachtungsstelle und Europol inzwischen fast 300 neue Drogen gemeldet.

          Zahlreiche der auf dem Markt befindlichen neuen Drogen seien eine Mischung aus unterschiedlichen Substanzen, stellten die Experten weiter fest. Ein Beispiel dafür sei die psychoaktive Substanz Mephedron, eine Mischung aus Amphetaminen, Kokain und der „Party-Droge“ Ecstasy. Angesichts mangelnder pharmazeutischer und toxikologischer Angaben sei es schwierig, über die langfristigen Auswirkungen dieser Drogen auf die Gesundheit zu spekulieren.

          Während EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström fast schon resignierend das „nicht zu stoppende Angebot“ neuer Drogen beklagte, betonte EBDD-Direktor Wolfgang Götz: „Das Drogenproblem ist im Wandel begriffen, es ist dynamischer, komplexer, und es stellt in vielerlei Hinsicht noch größere Herausforderungen.“ Die oft sehr jungen Konsumenten spielten ein gefährliches Spiel. Sie seien in gewisser Weise „Versuchskaninchen“, da man noch sehr wenig über die langfristigen Gesundheitsfolgen der Modedrogen wisse, warnte Götz.

          Konsum endet häufig in Horrortrips

          Die schlimmsten unmittelbaren Folgen des Konsums synthetischer Drogen, der häufig in Horrortrips endet, sind bekannt: Kontrollverlust, Herzrasen, Wahnvorstellungen bis hin zu Selbstmordgedanken, Selbstverstümmelungen und Aggressionen. Die Drogen tauchen immer wieder unter neuen Produktnamen auf. Die Mehrheit der Designerdrogen ahmen die Wirkung von Cannabis nach und sind mal als Pillen, mal als Pulver auf dem Markt.

          Auch Stars wie die Sängerinnen Fergie (Black Eyed Peas) und Pink räumten bereits ein, sie hätten schon mit Aufputschmitteln wie dem Methamphetamin Crystal Meth schlimmste Erfahrungen gemacht. Das als „Zombie-Droge“ bekannte weiße Pulver werde in den USA und Asien von Millionen und in Europa traditionell vor allem in Tschechien und der Slowakei konsumiert. In jüngerer Zeit habe man aber auch in Deutschland Anzeichen für „problematischen Methamphetaminkonsum“ registriert, so die EBDD.

          Verbote, wie sie etwa vergangene Woche von der Bundesregierung für 26 Stoffe auf den Weg gebracht wurden, helfen bei künstlichen Rauschmitteln oft nicht wirklich. Der Grund: Bereits eine leichte Änderung der Molekularstruktur durch die Drogenköche kann eine neue Substanz entstehen lassen, für die ein bestehendes Verbot nicht mehr greift.

          Mit Blick auf den Drogenbericht stellte die EBDD eine Forderung auf: Aufgrund der sich rasant verbreitenden Designerdrogen müssten die Strategien und Praxismodelle hinterfragt werden. Denn die Lage ist ernst. Allein zwei in den vergangenen Monaten im Rahmen einer Risikostudie untersuchte Substanzen - das verbotene Amphetamin 4-MA und die legal vermarktete chemische Substanz 5-IT - wurden in Verbindung mit dem Tod von 40 bis 50 jungen Europäern gebracht. „Dabei werden diese Substanzen bisher nicht einmal in großen Mengen konsumiert“, hob EBDD-Direktor Götz hervor.

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