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Urteil im Ettal-Prozess : „Außerordentliches Bedauern“

Geleugnet, gestanden: der angeklagte Pater im Landgericht München Bild: dpa

Pater G. wird wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der Verein „Ettaler Missbrauchsopfer“ befürchtet, das Urteil könne Täter noch bestärken.

          Blass und mit Tunnelblick betritt Jürgen R. am Mittwochmorgen den Gerichtssaal. Im braunen Anzug und mit blaugestreifter Krawatte steht er wortlos neben seinen Verteidigern, als die sich kurz mit dem Nebenklägervertreter besprechen. Als die Fotografen den Saal betreten, wendet er ihnen langsam den Rücken zu und bleibt geduldig minutenlang stehen, bis die Fotografen den Saal verlassen. Die Haltung des Unbeteiligten behält er den ganzen Tag bei, schaut über alle Köpfe hinweg, wenn der Vorsitzende der Jugendkammer spricht. Keine Regung auch, als der Vorsitzende vor dem Urteil nochmals das umfassende Geständnis und die Entschuldigung bei seinen Opfern anführt. Jürgen R., so der Vorsitzende, bedauere sein Verhalten „außerordentlich“. Später wird er wegen sexuellen Missbrauchs von drei Kindern zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Mildernd hätten sich sein Geständnis und die Tatsache ausgewirkt, dass die Opfer keine psychischen und physischen Schäden davongetragen hätten, heißt es in der Begründung.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Angeklagt war der 44 Jahre alte Mann des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen während seiner Zeit als Präfekt in der Benediktinerabtei im bayerischen Ettal. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Pater G., wie er später vom Kloster genannt wurde, in den Jahren zwischen 2001 und 2005 zwei Schüler des Gymnasiums des Klosters missbraucht hatte. In der Anklage hieß es dazu, Jürgen R. habe die Kinder wiederholt unter dem Vorwand, sich Bilder oder Artikel auf dem Computer anschauen zu wollen, auf den Schoß gezogen und im Intimbereich berührt. Zur Anklage kamen auch zwei Versuche. Er habe von zwei Jungen abgelassen, als diese bei den Berührungen Widerstand gezeigt hätten.

          „Wenn man erwischt wird, muss man halt aufhören“

          Eines der Opfer hatte am vergangenen Donnerstag vor Gericht geschildert, wie sich zwischen ihm und dem Angeklagten ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatte. Er sei als damaliger Schüler der 7. Klasse des Gymnasiums im Kloster Ettal somit oft im Präfektenzimmer gewesen. Der Angeklagte habe ihn dabei viele Male auf seinen Schoß gezogen und ihm dabei in die Hose gefasst. Er habe das damals nicht als sexuelle Handlung einschätzen können, sagte der junge Mann aus.

          Vorausgegangen war dem Urteil ein Rechtsgespräch zwischen den Verfahrensbeteiligten nach einer ausführlichen Zeugenaussage eines anderen Opfers. Daraufhin hatte Jürgen R., der zum Prozessbeginn im Januar noch alle Vorwürfe bestritten hatte, Ende Februar überraschend die ihm zur Last gelegten Vorwürfe gestanden. Die Jugendkammer hatte ihm dafür eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von höchstens zwei Jahren zugesichert, die für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt würde. Jürgen R. hatte sich zudem bereitgefunden, sich im Rahmen einer Bewährungsauflage einer ambulanten Sexualtherapie zu unterziehen. Der Verein „Ettaler Missbrauchsopfer“ kritisierte in einer Stellungnahme das Urteil. „Dieses Strafmaß bestärkt Täter nach dem Motto: ‚Wenn man erwischt wird, muss man halt aufhören‘.“

          Wegen „Distanzlosigkeit“ musste er Ettal verlassen

          Vor dem Urteil am Mittwoch hatten sich die Verfahrensbeteiligten nach stundenlangen Verhandlungen auf einen Vergleich zur Zahlung einer Wiedergutmachung an eines der Opfer geeinigt. Jürgen R. hat sich bereiterklärt, 1500 Euro an das Opfer zu zahlen und die Kosten des Vergleichs zu übernehmen. Seine Verteidiger hatten darauf hingewiesen, dass zivilrechtliche Ansprüche eigentlich verjährt seien – wogegen der Nebenklägervertreter darauf hinwies, dass sich der Angeklagte im Rahmen einer Wiedergutmachung eben nicht auf eine Verjährung berufen könne. Jürgen R., der seit Jahren nicht mehr in Ettal lebt, stehen nach Abschluss des Verfahrens offenbar noch kirchliche Sanktionen bevor. Er müsse mit der Entfernung aus dem Klerikerstand rechnen, hieß es.

          Jürgen R. war 1995 in das Kloster Ettal eingetreten, von 2001 bis zum Mai 2005 war er dort als Präfekt und Religionslehrer tätig. Er betreute zehn bis zwölf Schüler einer Jahrgangsstufe im Internat des Klosters bei den Hausaufgaben, gab Nachhilfe oder unternahm etwas mit ihnen während der Freizeit. Im Mai 2005 wurde seine Tätigkeit als Präfekt beendet, nachdem die Klosterleitung von einer „Distanzlosigkeit“ gegenüber Schülern erfahren hatte. Im Jahr 2010 war bekanntgeworden, dass im Internat des Klosters über Jahrzehnte hinweg Patres Schüler mit körperlicher Gewalt misshandelt und auch sexuell missbraucht hatten. Das Kloster richtete daraufhin einen Fonds ein, um die Opfer finanziell zu entschädigen.

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