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Erstochener Asylbewerber : Totenmahl mit einem Tatverdächtigen

  • -Aktualisiert am

Blumen für Khaled: Hier wurde der Asylbewerber niedergestochen Bild: Daniel Pilar

Nachdem ein Asylbewerber erstochen in Dresden aufgefunden wurde, saß sein Mitbewohner Hassan S. mit dessen Onkel an einem Tisch und trauerte. In Interviews, auch gegenüber der F.A.Z., zeigte sich S. besonders betroffen. Nun steht er unter Mordverdacht.

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          Said Hamid Mohamed ist schockiert. Vor knapp zwei Wochen war sein Neffe, der Asylbewerber Khaled Idriss Bahray, in Dresden erstochen aufgefunden worden. Hamid Mohamed hatte gehofft, dass der Mord schnell aufgeklärt würde. Dass es sich bei dem Täter aber um einen der Mitbewohner seines Neffen handeln soll, hätte er nicht erwartet. Wie könne ein Landsmann, mit dem man seit Monaten das gleiche Schicksal teile, einem so etwas antun, sagte Hamid Mohamed am Freitag der F.A.Z. Der junge Eritreer lebt in Remscheid und ist der einzige Verwandte des Getöteten in Deutschland. Am Donnerstagabend erfuhr er von dem Geständnis des mutmaßlichen Täters Hassan S.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Seit Donnerstag sitzt der Verdächtige in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wird gegen ihn wegen des Verdachts auf Totschlag ermittelt. Die Polizei hatte in der Nähe des Tatorts im Innenhof der Plattenbausiedlung im Stadtteil Leubnitz-Neuostra ein Messer gefunden, dessen kriminaltechnische Untersuchung „eindeutige Spuren“ sowohl des Opfers als auch des mutmaßlichen Täters ergab. Daraufhin hatten die Ermittler von allen Mitbewohnern des Getöteten DNA-Proben genommen. Die Probe eines der Zimmernachbarn stimmte mit den Spuren an der Tatwaffe überein. Mit den Beweisen konfrontiert, habe der 26 Jahre alte Mann ein Geständnis abgelegt, teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Jan Hille, mit. Motiv für das Verbrechen sei ein „eskalierter Streit um die Haushaltführung und die Küchenbenutzung“ gewesen. Berichte, wonach auch Eifersucht und Drogen eine Rolle gespielt hätten, wies Hille zurück; weder beim Opfer noch beim Täter seien Hinweise auf Drogennutzung festgestellt worden.

          Den Ermittlungen zufolge hatte Khaled Idriss Bahray am Montagabend vergangener Woche die Vierraumwohnung, in der er mit sieben Landsleuten unter spartanischen Verhältnissen lebte, verlassen. Hassan S. sei ihm in den Innenhof gefolgt, wo er seinen Mitbewohner mit mehreren Messerstichen tödlich verletzte. Inwiefern auch die anderen Mitbewohner in die Auseinandersetzung involviert waren oder davon wussten, werde zurzeit überprüft, sagte Hille. Sollte Hassan S. wegen Totschlags verurteilt werden, drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.

          Nur ein schwacher Trost

          Für Hamid Mohamed, den Onkel des Opfers, ist das nur ein schwacher Trost. Alles, was er bis jetzt gehört habe, helfe ihm nicht zu begreifen, warum sein Neffe sterben musste. Er sei fassungslos über die Kaltblütigkeit des Täters, den er in der vergangenen Woche auch in Dresden getroffen hatte: „Wir haben alle zusammen in einer Wohnung übernachtet, er hat mit uns zusammen am Tisch gesessen und getrauert.“

          Wenige Tage nach der Ermordung Khaled Idriss Bahrays hatte der mutmaßliche Täter noch Interviews gegeben und auch mit der F.A.Z. gesprochen. Bei einem Besuch in der Wohngemeinschaft des Verstorbenen hatte Hassan S. sich als besonders betroffen hervorgetan: Er und Khaled hätten sich im August vergangenen Jahres, kurz nach ihrer Ankunft aus Eritrea, in der Erstaufnahmeeinrichtung in München kennengelernt und seien dann im Herbst gemeinsam nach Dresden verlegt worden, sagte S. Seitdem seien sie unzertrennlich gewesen: „Khaled war mein bester Freund.“ Er und seine Freunde vermuteten einen rassistischen Hintergrund der Tat und hätten nun große Angst – auch das gab S. zu Protokoll.

          Die anderen Mitbewohner, alle von ihnen junge Flüchtlinge aus Eritrea, wollen nach Aussage von Khaleds Onkel Said Hamid Mohamed nichts gehört, gesehen oder geahnt haben. Am Freitag waren jedoch abermals Beamte der Spurensicherung in der einstigen Wohnung der Asylbewerber. Laut Staatsanwaltschaft seien alle von ihnen befragt worden, bisher hätten sich jedoch keine Hinweise auf eine Mitwisser- oder Mittäterschaft ergeben. Auch Hamid Mohamed sagt: „Ich glaube ihnen, sie wirken genauso geschockt wie ich es bin“, sagte er. Am Freitag fuhr Hamid Mohamed mit einigen Freunden seines Neffen von Dresden nach Berlin. Dort soll Khaled Idriss an diesem Samstag bestattet werden.

          Der Tod des Asylbewerbers hatte in Dresden für Aufruhr gesorgt, fiel er doch in eine durch die Pegida-Demonstrationen aufgeheizte Stimmung in der Stadt. Am vergangenen Samstag hatten 3000 Dresdner und Asylbewerber im Gedenken an den Getöteten demonstriert, darunter auch die Mitbewohner und der mutmaßliche Täter. Die Gruppe der Eritreer in Dresden sowie Ausländer- und Flüchtlingsorganisationen hatten eine schnelle Aufklärung des Falls gefordert. Insofern sei nun Erleichterung unter den Flüchtlinge zu spüren, hieß es beim Sächsischen Flüchtlingsrat. Dennoch seien viele Asylbewerber nach wie vor über das zum Teil feindliche Klima in der Stadt besorgt.

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