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Mainzer Skandal-Kita : Ein Kindergarten verliert seine Unschuld

Geschlossen bis Herbst: Was geschah in der Mainzer Kita „Maria Königin“? Bild: Michael Kretzer

In der Mainzer Kita „Maria Königin“ sollen Kinder anderen Kindern Fürchterliches angetan haben. Das Kita-Personal wurde fristlos entlassen, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Im Herbst soll es weitergehen.

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          Die katholische Kindertagesstätte (Kita) „Maria Königin“ ist seit zwei Wochen geschlossen. Allen bis dahin im Haus tätigen Erziehern, sechs Frauen und einem Mann, wurde am Montag fristlos gekündigt. Den 55 Jungen und Mädchen, die dort bis zum Bekanntwerden der Vorfälle untergebracht waren, hat das Bistum Mainz ersatzweise Plätze in anderen kirchlichen Einrichtungen vermittelt.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Und nun, nachdem der über Jahrzehnte hinweg von Weisenauern besuchte Kindergarten seine Unschuld verloren hat, scheinen alle Beteiligten darauf zu warten, dass Gras über die Sache wächst. Zu gravierend sind die Vorwürfe, die mittlerweile von der Staatsanwaltschaft Mainz untersucht werden: Über Monate hinweg, mindestens seit Dezember, soll es im Haus an der Jakob-Sieben-Straße zu gewalttätigen und vor allem auch sexuellen Übergriffen zwischen Kindern gekommen sein; zum Teil mehrfach am Tag und ohne dass die Betreuer eingeschritten seien.

          „Wenn Kinder einen Nährboden oder eine Basis haben, wo kein Gesetz und keine Regeln herrschen und keiner aufpasst, dann entsteht so etwas“, sagte die kommissarische Kita-Leiterin, Anja Zerbe, im SWR-Politikmagazin „Zur Sache Rheinland-Pfalz“. Gemeinsam mit Christian Nagel, dem Pfarrer der Kirchengemeinde Mariä Himmelfahrt, die Träger der Einrichtung ist, äußerte sie sich in der am Donnerstag ausgestrahlten Sendung öffentlich zu den Vorfällen.

          Kinder wurden voneinander getrennt

          Kinder hätten körperliche und seelische Schäden erlitten. Dabei habe man sehr genau im Blick, jene künftig zu schützen, denen Leid zugefügt worden sei. „Ich kann sicherstellen, dass die Kinder, die Anführer waren, nicht mit den anderen Kindern zusammen in Einrichtungen kommen“, so Zerbe. Pfarrer Nagel fügte hinzu, dass die Erzieher eigentlich geschult seien, sexuelle Gewalt unter Kindern zu erkennen.

          Nach Angaben des Generalvikars Dietmar Giebelmann, der bei Drei- bis Sechsjährigen nicht von Tätern und Opfern sprechen will, mussten sich einzelne Kinder über einen längeren Zeitraum hinweg mehrfach entblößen, sich schlagen und sich Gegenstände etwa in den After einführen lassen. Was genau geschah und warum die Erzieher nicht einschritten, will die Staatsanwaltschaft nun ermitteln, die dafür bis zu 100 Gespräche mit Kindern, Eltern und anderen Erwachsenen angesetzt hat.

          Ergebnisse werde es wohl frühestens im Spätsommer geben, sagte der zuständige Staatsanwalt, Gerd Deutschler, dieser Zeitung. Er soll herausfinden, ob es zu einer Verletzung der Aufsichts- und Fürsorgepflicht gekommen ist. Im September will das Bistum das Haus „Maria Königin“ mit neuem Personal wieder eröffnen.

          Übeltäter mischen Gruppe auf

          Als freundlich, manchmal allerdings etwas phlegmatisch wird das Personal von einer Mutter beschrieben, deren Kinder schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Kita sind. Die katholische Kirche hat außergewöhnlich schnell und mit aller Härte reagiert. Laut Giebelmann vor allem deshalb, weil das pädagogische Personal keine Anstalten gemacht habe, zur Aufklärung der Vorfälle beizutragen.

          Bei dieser Ausgangslage wird mittlerweile weit über Weisenau hinaus darüber spekuliert, was in der „ziemlich normalen Kita“, in der es nach Angaben einer Mutter schon immer die Bandbreite „zwischen Hautevolee aus dem Villenviertel und den Bewohnern der alten Portland-Arbeitersiedlung“ gegeben habe, tatsächlich schiefgelaufen ist.

          Einiges spricht dafür, dass es anfangs weniger als eine Handvoll „Übeltäter“ gewesen sind, die dann das Haus „aufgemischt“ haben und nicht in die Schranken gewiesen wurden. Das vom Kita-Team üblicherweise „verabreichte Beruhigungsmittel“, zur Strafe für Lautsein allein am Tisch sitzend ein Puzzle legen zu müssen, scheint in diesem Fall jedenfalls nicht gewirkt zu haben.

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