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Vor 19 Jahren verschwunden : Ermittlungen im Fall Peggy eingestellt

Ein Gedenkstein mit dem Porträt Peggys auf dem Friedhof in Nordhalben Bild: dpa

Die damals neunjährige Peggy war vor 19 Jahren verschwunden – Teile ihres Skeletts wurden 2016 gefunden. Der Tatverdacht gegen einen Bestatter ließ sich nicht erhärten, teilte die Staatsanwaltschaft Bayreuth mit.

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          Kurz nach dem Verschwinden der neunjährigen Peggy K. im Mai 2001 hatte ein Mann eine Vision. Er sah vor seinem geistigen Auge ein Haus im bayerischen Landkreis Wunsiedel, in dem ein Mädchen „in Panik“ geraten sei. Die Polizei fuhr sofort zu dem Haus, befragte Anwohner, fand aber nichts, was auf das Kind hindeutete. Doch die Polizei ging nach den Angaben des damaligen Sprechers der Soko „Peggy“ im bayerischen Hof auch Hinweisen von „Kaffeesatzlesern, Wasserglassehern, Pendlern und Medien“ nach. Das Mädchen aus dem oberfränkischen Ort Lichtenberg war erst seit ein paar Tagen vermisst, die Ermittler wussten: Alles musste ernst genommen werden, jede Minute zählte.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          19 Jahre nach dem Verschwinden von Peggy K. haben das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth bekanntgegeben, dass der Ermittlungskomplex „Peggy“ mit allen Verfahren „nun vollständig beendet“ sei. Damit werden die Akten in einem Fall geschlossen, in dem es einige Tatverdächtige – zwischenzeitlich zählte sogar der NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt dazu –, doch bis heute keinen rechtskräftig verurteilten Mörder gibt. Peggy K. verschwand am 7.Mai 2001 auf dem Heimweg von der Schule. Lebend wurde sie zuletzt gegen 13.24 Uhr gesehen. Hundertschaften durchsuchten Wälder, Wiesen und Höhlen, fanden jedoch weder ein Kleidungsstück, noch den Schulranzen.

          Die Ermittlungen konzentrierten sich bald auf den damals 24 Jahre alten Ulvi K., den Peggy K. kannte. Im April 2004 wurde er vom Landgericht Hof in einem Indizienprozess wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe und wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zur Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus verurteilt. Zehn Jahre später jedoch hob das Landgericht Bayreuth das Urteil wegen Mordes auf und sprach ihn frei.

          Spektakuläre Wende deutete sich an

          Aufklärung erhofften sich die Ermittler abermals, als Pilzesammler im Sommer 2016 in einem Waldstück in der Nähe des thüringischen Orts Rodacherbrunn, etwa 16 Kilometer von Lichtenberg entfernt, die sterblichen Überreste des Kindes fanden. Bald schien sich eine spektakuläre Wende anzudeuten: An einem am Fundort gesicherten Textilstück hatte die Polizei auch DNA-Spuren von Uwe Böhnhardt festgestellt. Später stellte sich heraus, dass die DNA durch eine Verunreinigung von „Polizeigerät“ an den Fundort gekommen war. Die Ermittlungen gingen weiter. Im September 2018 schien die Polizei aufgrund der Spuren vom Fundort einen entscheidenden Schritt weitergekommen zu sein. Ein 41 Jahre alter Mann, der auch 2001 schon vernommen worden war und damals in Lichtenberg lebte, rückte abermals in den Fokus. Er gestand, das leblose Kind am 7. Mai 2001 angeblich von einem Mann übernommen, in eine rote Decke gewickelt und in den Wald gebracht zu haben. Den Namen des Mannes hatte er nach Polizeiangaben genannt. Nach Angaben der Polizei hatte er sich zur „tatkritischen Zeit“ in Lichtenberg aufgehalten und Pflanzarbeiten durchgeführt, die mit Spuren vom Fundort der sterblichen Überreste übereinstimmten. Zudem hatte sich Peggy K. demnach zuletzt in „unmittelbarer Nähe“ seines Hauses aufgehalten. Der Mann hatte jedoch immer bestritten, das Kind getötet zu haben. Auch das Geständnis über den Transport des Leichnams widerrief er später.

          Die Staatsanwaltschaft Bayreuth kam nach Auswertung der Ermittlungen schließlich zu dem Ergebnis, dass dem Beschuldigten eine Täterschaft oder Beteiligung an dem Tod des Kindes „nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit“ nachgewiesen werden könne. Denn dafür erforderlich ist ein hinreichender Tatverdacht, auf dessen Grundlage „die Verurteilung des Beschuldigten mit Wahrscheinlichkeit“ zu erwarten sein müsse. Zwar sind demnach „zahlreiche Indizien“ ermittelt worden, die auf eine „Tatbeteiligung“ hindeuten. Aber einen sicheren Nachweis erlaubten weder die objektive Spurenlage noch die verwertbaren Angaben des Beschuldigten. Die Aufklärung wird auch dadurch erschwert, dass sich die Todesursache anhand der sterblichen Überreste des Kindes nicht mehr feststellen lässt. Auch der Tatbestand der Strafvereitlung im Zusammenhang mit dem Transport des Leichnams, der in Betracht kommen könnte, ist nach den Angaben inzwischen verjährt. Das Verfahren werde daher eingestellt.

          Weder Staatsanwaltschaft noch Polizeipräsidium wollten am Donnerstag Nachfragen beantworten. Die Mitteilung sei „abschließend“, man müsse die Persönlichkeitsrechte beteiligter Personen wahren. Auch die Frage, ob die Akten routinemäßig noch einmal vorgenommen werden oder dann, wenn neue Zeugenangaben auftauchen sollten, blieb ohne Antwort. Offenbar ist der Fall Peggy K. mit seinen rund 6400 Spuren, 250 Gutachten und 3600 Vernehmungen jetzt endgültig zu einem „cold case“ geworden.

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