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Ermittlungen : Amokläufer tötete sich mit Schuß in den Mund

  • Aktualisiert am

Sebastian B. mit einem Mitschüler in der Schülerzeitung Bild: dpa

Der Amokläufer von Emsdetten hat sich selbst gerichtet. Die Obduktion des am Montag geborgenen Leichnams ergab, daß sich der 18jährige mit einem Schuß in den Mund getötet hat. Die Ermittler suchen nach möglichen Mitwissern der Tat.

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          Der Amokläufer von Emsdetten hat sich mit einem Schuß in den Mund selbst getötet. Das ergab die Obduktion in Münster am Dienstag. Die Ermittler versuchten am Tag nach der Bluttat an der Geschwister-Scholl-Realschule, die Herkunft der Waffen zu klären. Die Staatsanwaltschaft hat erste Hinweise darauf, daß sich Sebastian B. die Waffen über das Internet besorgt hat. Aus Rache hatte der 18 Jahre alte frühere Schüler der Schule mit Gewehren, Sprengstoff und Rauchbomben seine frühere Schule überfallen. 37 Menschen wurden verletzt, fünf von ihnen durch Schüsse. Vermutlich nur aus großem Glück gab es nicht mehrere Tote.

          Mindestens dreimal schoß der Täter wahllos in Gruppen von Schülern, wie die Ermittler mitteilten. Zuvor hatte er auf dem Schulhof anscheinend wahllos auf Schüler, eine schwangere Lehrerin sowie den Hausmeister geschossen. Die Ermittler hatten nach dem Amoklauf drei Schußwaffen sichergestellt. Es handelt sich um zwei Gewehre und eine Pistole mit jeweils historischem Aussehen.

          Großes Arsenal von Waffen

          Zwei der Waffen seien frei im Handel erhältlich, für die dritte - ein Kleinkalibergewehr - sei ein Waffenschein erforderlich gewesen, teilte die Polizei in Münster mit. Nach Angaben von Polizei-Einsatzleiter Hans Volkmann verfügte der Schütze aber lediglich über einen sogenannten Kleinen Waffenschein für Gas- und Schreckschußwaffen.

          Die zentrale Frage am Tag nach dem Amoklauf: Warum?

          Ferner hatte der 18jährige am Körper drei selbst gebaute Rohrbomben befestigt. In einem Rucksack befanden sich fünf weitere Rohrbomben. In seinem Auto wurden vier weitere dieser Sprengsätze und drei Molotow-Cocktails sowie eine Machete gefunden. In seinem Zimmer im Elternhaus fanden die Ermittler Hinweise, die darauf hindeuten, daß der Täter mit Chemikalien zur Herstellung von Sprengkörpern experimentiert hatte. Zudem wurden dort eine Gaspistole und ein Luftgewehr sichergestellt.

          Täter fühlte sich in realer Welt schwach

          Schon im Juli hatte die Polizei Sebastian B. eine Waffe abgenommen. Deswegen hätte er sich am Tag nach der Tat wegen unerlaubten Waffenbesitzes vor einem Jugendgericht verantworten sollen. Anhaltspunkte für die Ermittlungen seien auch die im Internet veröffentlichten Videos des Mannes.

          Nach Ansicht des Bielefelder Jugendforschers Klaus Hurrelmann fühlte Sebastian B. sich nur in seiner Ersatzwelt aus Computerspielen und Waffen stark. „Man kann sagen, daß es der Schule und dem Elternhaus nicht gelungen ist, diesem Jungen eine reale Welt mit realen Herausforderungen zu vermitteln“, so Hurrelmann.

          Unter dem Pseudonym „ResistantX“ hatte der Jugendliche schon im Juni 2004 auf einer Beratungsseite im Internet über seinen Haß auf die Schule berichtet und gedroht: „Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf!“. Im Januar dieses Jahres äußerte er sich auf der gleichen Seite deutlich moderater: „Mir geht's besser. Ich bin nun im zehnten Schuljahr und denke ich schaff's. (...) Wenn ich mir meinen Post mal wieder durchlese kommt mir das echt bißl dämlich vor. Ich denke ich habe damals wohl etwas übertrieben.“ Bis zum Montag hatte sich jedoch offensichtlich wieder so viel Frust und Verzweiflung in dem Jugendlichen aufgestaut, daß es zu der Gewalttat kam.

          Kein Unterricht an der Schule

          Unterdessen besuchte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) verletzte Schüler. Er rief dazu auf, den Amoklauf „zum Anlaß zu nehmen, um über das Thema Gewalt in unserer Gesellschaft nachzudenken“. In einem Emsdettener Kulturzentrum boten Psychologen und Seelsorger Schülern und Lehrern Hilfe an. Vor den Sprechzimmern bildeten sich lange Schlangen von Wartenden. An Unterricht war an der Geschwister-Scholl-Schule am Dienstag nicht zu denken.

          Politiker und Gewerkschaften lobten das professionelle Vorgehen der Polizei. Das nach dem Schulmassaker von Erfurt 2002 neu eingeführte spezielle Einsatztraining für Beamte habe dazu beigetragen, in Emsdetten Schlimmeres zu verhindern, erklärten Rüttgers und Vertreter der beiden großen Polizeigewerkschaften.

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