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Entführungsfall Kampusch : Unsere Neugier ist grenzenlos

„Wir waren von Ihrem Brief sehr beeindruckt” Bild: REUTERS

Das Entführungsopfer Natascha Kampusch hat „der Weltöffentlichkeit“ einen Brief geschrieben, und die Medien antworten: „Wir glauben, daß die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, Ihre Geschichte zu erfahren - ob Sie das wollen oder nicht.“

          5 Min.

          Sehr geehrte Frau Kampusch,

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          vor einigen Tagen haben Sie uns einen Brief geschrieben, uns Journalisten und Reportern, uns, der Weltöffentlichkeit, und bevor wir versuchen wollen, Ihnen zu antworten, würden wir Ihnen gerne unsere besten Wünsche übermitteln. Schon dafür fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden. Wir hoffen, es geht Ihnen gut, nicht nur, wie man zu sagen pflegt, den Umständen entsprechend, denn was entspricht schon den Umständen, in denen Sie sich zur Zeit befinden.

          Wir waren von Ihrem Brief sehr beeindruckt, von der Entschlossenheit Ihrer Worte, von der Klarheit ihrer Botschaft an uns. Sie bitten uns, Sie vor Verleumdungen und Fehlinterpretationen zu schützen, vor Besserwisserei und mangelndem Respekt. Sie sind sich, so schreiben Sie, bewußt, daß wir Ihnen eine „gewisse Neugier“ entgegenbringen, und versichern uns gleichzeitig, daß Sie „keinerlei Fragen über intime oder persönliche Details beantworten“ werden. Sie warnen uns vor der Überschreitung „voyeuristischer Grenzen“.

          Medienrummel vor dem Haus, in dem Natascha Kampusch gefangen gehalten wurde
          Medienrummel vor dem Haus, in dem Natascha Kampusch gefangen gehalten wurde : Bild: AP

          Wir sind die Neugier

          Wir können diese Wünsche gut verstehen. Sie haben mit Sicherheit Respekt und Rücksicht in besonderem Maße verdient. Und die meisten von uns würden persönlich nichts lieber tun, als Sie in Ruhe zu lassen. Aber „wir“: Das sind eben nicht die einzelnen Journalisten, die vor Ihrer Tür auf Sie warten, oder vor der Ihrer Eltern. „Wir“: Das sind nicht die einzelnen Reporter, die um das Haus streichen und in das Loch kriechen, in dem Sie acht Jahre lang gefangengehalten wurden. „Wir“ sind die Medien. Wir haben nicht eine „gewisse Neugier“. Wir sind die Neugier. Und diese Neugier ist grenzenlos.

          Sie appellieren an unsere Moral, und für den Moment mag es so aussehen, als hätte Ihre Bitte Erfolg. Täuschen Sie sich nicht. Die Wirkung der Worte, von denen wir nicht einmal wissen, ob es Ihre eigenen sind, liegt nicht in ihrer Besonnenheit. Die Klugheit Ihres Briefes war eher eine strategische: Von den Brocken, die Sie uns hingeschmissen haben, können wir eine Weile leben. Wir machen uns aus den wenigen Details ein Bild, wir machen aus jedem Satz eine Geschichte. „Der Lebensalltag“, schreiben Sie, „fand geregelt statt“ - wir machen daraus eine organisierte Hölle.

          Wir machen aus dem Frühstück Fraß und aus der Hausarbeit Sklaverei. Wir lassen unsere Computer Ihr Gesicht ausmalen, bis es uns gefällt, und schreiben darüber „So war es wirklich“ oder „Die ganze Wahrheit“ oder „Die Akte Natascha“. Wir machen aus Ihrem Brief ein Psychogramm und aus Ihrer Trauer ein Syndrom. Wir lesen zwischen den Zeilen, bis wir finden, was wir suchen. Wir reden mit Experten, bis sie sagen, was wir hören wollen.

          Wir können keine Ausnahme machen

          Wir sind nicht alle so. Wir arbeiten mit den unterschiedlichsten Mitteln. Wir können weglassen und dazudichten, wir können laute Schlagzeilen titeln und feine Essays schreiben, wir zeigen Mitgefühl und Sympathie, aber auch unser Verständnis ist aufdringlich. Wir können Bedenken formulieren und uns über sie hinwegsetzen. Wir kommen als Meute oder mit einem freundlichen Lächeln. Wir bleiben zum Tee und hören zu. Wir warten geduldig, bis Sie sagen, was Sie nicht sagen wollen. Wir legen Ihnen die Worte in den Mund, die Ihnen fehlen. Wir stellen Fragen, bis Sie weinen. Und wenn wir gehen, tauschen wir die Klingelschilder aus.

          Sie wollen wissen, warum wir so sind? Warum wir Sie nicht einfach in Ruhe lassen können, Ihnen Zeit geben, bis Sie die Kraft haben, Ihre Geschichte zu erzählen? Und im Zweifelsfall sogar akzeptieren, wenn Sie es vorziehen, zu schweigen? Die raffinierte Antwort lautet: Wir glauben, daß die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, Ihre Geschichte zu erfahren - ob Sie das wollen oder nicht. Wir glauben, daß sie relevant ist, weil sie für einen größeren Zusammenhang exemplarisch ist, für die Abstumpfung der Gesellschaft, für das Versagen der Polizei, für neue Formen der Gewalt - suchen Sie sich was aus.

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