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Entführungsfall Kampusch : Anscheinend sexueller Kontakt zum Entführer

  • Aktualisiert am

Keiner kannte Wolfgang Priklopil Bild: dpa

Die über acht Jahre gefangen gehaltene Natascha Kampusch hatte anscheinend sexuellen Kontakt zu ihrem Entführer. Der hatte seine Tat penibel vorbereitet. Niemand hatte etwas bemerkt, da der Mann „wie ein Phantom“ gelebt haben soll.

          Der Entführer der heute 18 Jahre alten Natascha Kampusch aus Wien hat seine Tat über Monate hinweg penibel vorbereitet. Darauf deuten mehr und mehr Details hin, die im Zuge der Ermittlungen ans Licht kommen, berichteten österreichische Medien am Wochenende. Der jungen Frau war am Mittwoch nach acht Jahren Gefangenschaft in einem Verlies die Flucht gelungen.

          Der Täter Wolfgang Priklopil, der wenige Stunden nach der Flucht Selbstmord beging, war der Polizei zuvor nicht aufgefallen. Ein Datenbank-Vergleich habe ergeben, daß der 44jährige nie in einen schweren Kriminalfall in Österreich verwickelt war, sagten die Ermittler.

          Täter wahrscheinlich ohne Komplizen

          Widersprüchliche Angaben halten sich in den Medien darüber, ob Kampusch während ihrer Gefangenschaft sexuell mißbraucht wurde, ob der Entführer sein Opfer kannte und ob es Mitwisser, möglicherweise auch Mittäter gegeben haben könnte. Nach neuesten Angaben der Ermittler hat es wahrscheinlich keinen Komplizen gegeben. Um das völlig auszuschließen, müßten jedoch alle Spuren vollständig ausgewertet werden, erklärten die Ermittler am Sonntag.

          Die Medien-Belagerung stört Natascha Kampusch

          Kampusch selbst habe nur von einem Täter gesprochen. Eine damals zwölfjährige Zeugin habe inzwischen ihre Aussage dahingehend präzisiert, daß sie keinen zweiten Mann gesehen habe, sondern lediglich davon ausgegangen sei, daß sich in dem Auto auch ein Fahrer befunden haben müßte.

          Nach bisherigen Erkenntnissen hatte Priklopil die Tat über Monate, wenn nicht Jahre, akribisch vorbereitet. Das Tatfahrzeug hatte der Entführer ein Jahr vor der Tat gekauft, auch die Aushubarbeiten zu dem zwei mal drei Meter großen Verlies unter der Garage waren lange zuvor abgeschlossen. Nachbarn beschrieben sein Haus als „ständige Baustelle“. Ob er bei den Umbauarbeiten Helfer hatte, ist noch ungeklärt.

          „Mehr ein Phantom“

          An seinem Wohnort war er „mehr ein Phantom“, wie der Postzusteller den „Salzburger Nachrichten“ sagte. Kaum jemand kannte den Mann, der als höflich und zurückhaltend galt. Nachbarn wollen keine Beobachtungen gemacht haben. Mindestens einmal soll nach Medienberichten Priklopils Mutter das Mädchen gesehen haben. Auch ein Bekannter soll im Haus auf Natascha getroffen sein. Beiden konnte er den Ermittlern zufolge Nataschas Anwesenheit plausibel erklären.

          Seine Tätigkeit als Mitinhaber eines Bauunternehmens habe Priklopil ein Alibi verschafft, als er wenige Wochen nach der Tat von der Polizei verhört wurde. Als Besitzer eines Lieferwagens des Modells, das nach Zeugenangaben als Tatfahrzeug gesucht wurde, war er befragt worden. Da sich kein Tatverdacht ergab, wurde keine Hausdurchsuchung angeordnet - was der Polizei heute als Panne vorgeworfen wird. Allerdings sagte ein Ermittler nach der Flucht des Mädchens: „Ohne Nataschas exakte Angaben hätten wir das Verlies niemals gefunden, nicht einmal bei einer Hausdurchsuchung.“

          Über sein Opfer soll Priklopil während der Gefangenschaft „größtmögliche Kontrolle“ ausgeübt haben. In den ersten Jahren, in denen Natascha ihn als „Gebieter“ ansprechen mußte, durfte sie den Angaben zufolge das Verlies nie verlassen. Erst in den letzten Monaten soll sich in der Beziehung des Täters zum Opfer eine Veränderung vollzogen haben, wie die Ermittler vermuten. Demnach hat Priklopil Natascha Hausarbeiten verrichten und im Garten arbeiten lassen. Als er sie am Mittwoch sein Auto reinigen ließ und einen Moment unaufmerksam war, flüchtete sie.

          Sexuelle Kontakte offiziell nicht bestätigt

          Kurz nach der Flucht hatte jene Polizistin, die Natascha zuerst betreute, von Hinweisen auf sexuelle Kontakte zu dem Entführer gesprochen. Dem Opfer sei ein Mißbrauch aber nicht bewußt, es sei der Meinung, alles sei freiwillig geschehen. Am Samstag wollte der Leiter der Ermittlungen sexuelle Kontakte nicht offiziell bestätigen.

          Im Haus Priklopils und im Verlies Nataschas wurden zahlreiche schriftliche Aufzeichnungen, Notizen und Zettel gefunden. Nun müsse geklärt werden, wer das geschrieben habe, teilte die Polizei mit. Ein Tagebuch von Natascha sei nicht gefunden worden. Die junge Frau wird auf eigenen Wunsch abgeschirmt und hat um eine Ruhepause gebeten. Frühestens am Montag will sie die Gespräche mit den Ermittlern fortsetzen. Zurzeit werde sie an einem - auch für ihre Eltern - geheimen Ort betreut, könne sich aber frei bewegen. Sie wolle derzeit aber nicht einmal ihre Eltern sehen, bestätigte ein Polizeisprecher am Sonntag.

          Das Medieninteresse ist enorm: Kamerateams und Reporter aus aller Welt belagerten das Haus in Strasshof, wo Natascha - kaum 20 Kilometer von der Wohnung ihrer Mutter entfernt - gefangen gehalten worden war. Ein Interview oder ein öffentlicher Auftritt sei aber frühestens in einigen Wochen zu erwarten, sagte eine Psychologin, die in Nataschas Betreuung eingebunden ist.

          Nach ihrer Auskunft wirkt es befremdend auf Natascha, daß sie nur als Opfer dargestellt werde: „Sie ist nicht das arme Opfer. Sie ist eine erwachsene junge Frau“. Sie beschreibt die 18jährige als kluge, eloquente Persönlichkeit: „Sie findet sich schnell zurecht und hinterfragt sehr viel.“

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