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Entführte Anneli : Sie hatten keinen Plan – und töteten

  • -Aktualisiert am

Ein Fahrzeug der Polizei ist am 18.08.2015 in einem alten Spiegel vor einem Bauernhof in Lampersdorf (Sachsen) zu sehen. Bild: dpa

Jetzt ist es Gewissheit: Bei der in Sachsen gefundenen Frauenleiche handelt es sich um die entführte Anneli. Die Täter waren offenbar schlecht vorbereitet – und wussten am Ende nicht mehr weiter.

          Im Gras unter den Zweigen einer Blaufichte stehen ein paar Kerzen und trotzen dem strömenden Regen. Es ist ein kleines Zeichen des Gedenkens in der Nähe des Bauernhofs zwischen Dresden und Meißen, auf dem die Ermittler am Montagabend gegen 18 Uhr einen grausigen Fund machten. Am Dienstnachmittag teilte die Polizei dann in Dresden mit, dass sich die schlimmsten Befürchtungen bestätigt haben: Anneli, das 17 Jahre alte Mädchen, das am vergangenen Donnerstag entführt worden war, ist getötet worden.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Wir haben mit 1200 Polizeibeamten fieberhaft nach Anneli gesucht und gefahndet“, sagte der Dresdner Polizeipräsident Dieter Kroll. Doch alle Hoffnungen und Gebete auch der Beamten, Anneli lebend zu finden, seien vergeblich gewesen. Die Aufklärung des Verbrechens stehe noch am Anfang, sagte Kroll. Klar sei nur soviel: „Das Mädchen wurde Opfer eines Tötungsverbrechens.“ Die beiden mutmaßlichen Täter, ein 39 Jahre alter Familienvater aus Bayern und ein 61 Jahre alter Mann aus Dresden, sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen würden gemeinschaftlicher Mord und erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge vorgeworfen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Erich Wenzlick.

          1,2 Millionen Euro Lösegeld

          Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler verließ Anneli am Donnerstag gegen 19.20 Uhr mit Fahrrad und Hund, einem Beagle, das Elternhaus. Zehn Minuten später und nur wenige hundert Meter von ihrem Zuhause entfernt sei sie von den Entführern überwältigt worden. Kurz vor 20 Uhr hätten die Täter dann mit Annelis Handy den Vater des Mädchens angerufen und in einem sehr kurzen Gespräch 1,2 Millionen Euro Lösegeld gefordert. Im Hintergrund seien Schreie des Mädchens zu hören gewesen.

          Auf diesem Hof in Lampersdorf in Sachsen wurde Annelis Leiche gefunden.

          In der folgenden Stunde habe der Vater nach seiner Tochter gesucht und ganz in der Nähe ihr Fahrrad sowie den an einem Baum angebundenen Familienhund gefunden. Zur gleichen Zeit habe die Mutter die Polizei verständigt. Gegen 21 Uhr hätten die Täter dem Vater per Handy gedroht, dass er seine Tochter nicht lebend wiedersehen werde, sollte er nicht bis Freitagmittag das Lösegeld übergeben. In der Stunde darauf begann die Polizei mit der intensiven Suche nach dem Mädchen, die am Freitag zunächst vergeblich auf einen nahegelegenen Bauernhof führte.

          Am Freitagvormittag habe es dann den letzten Kontakt von einem unbekannten Telefon zwischen Tätern und Vater gegeben; ein Lebenszeichen von Anneli hätten die Täter strikt verweigert. Die Ermittler vermuten, dass das Mädchen zu diesem Zeitpunkt schon tot war. „Wir gehen von einem Verdeckungsmord aus“, sagt Wenzlick. „Die Täter waren nicht maskiert und hätten von dem Mädchen wiedererkannt werden können.“ Ihre Erkenntnisse zogen die Ermittler aus dem Verhör des älteren Tatverdächtigen, der am frühen Montagmorgen in Dresden verhaftet worden war.

          Entführer wegen Sexualdelikten bekannt

          Wenige Stunden darauf nahmen Beamte in Franken auch den jüngeren Tatverdächtigen fest. Seine Spuren hatten Kriminalbeamte am Fahrrad des Mädchens gefunden; der 39 Jahre alte Mann ist wegen Versicherungsbetrugs vorbestraft und der Polizei zudem wegen Brandstiftung und Sexualdelikten bekannt. Die Ermittler hoben jedoch hervor, im Fall Anneli habe es keine Sexualstraftat gegeben. Die Täter hätten sich schon länger gekannt und Anneli, die einer Unternehmerfamilie entstammt, auch über Facebook ausspioniert. „Die Bereicherungsabsicht war wohl das entscheidende Motiv“, sagte Kroll. Allerdings habe die Voraussicht der Täter vor allem in Bezug auf die Lösegeldübergabe „nicht besonders weit“ gereicht. „Vermutlich wussten sie bereits nach dem zweiten Anruf beim Vater nicht mehr weiter.“

          Die Aussage des älteren Tatverdächtigen führte die Polizei am Montag schließlich auch zu dem unbewohnten Gehöft bei Klipphausen zwischen Dresden und Meißen, das dem jüngeren Tatverdächtigen gehört. Nach intensiver Suche fanden die Beamten schließlich hinter einer Mauer einen abgedeckten Frauenleichnam. Auch wenn die Obduktion am Dienstag noch nicht abgeschlossen war, haben die Ermittler keinen Zweifel, dass es sich um Anneli handelt.

          Noch am Sonntagabend, nachdem der Kontakt zu den Erpressern längst abgerissen war, hatten sich die Eltern in Absprache mit der Polizei entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen. In einem bewegenden Aufruf („Anneli, wir vermissen Dich. Wir sind bei Dir.“) baten sie um Hinweise zum Verbleib des Mädchens und forderten die Entführer auf, sich zu melden. Sie sagten ihnen zu, alle Forderungen zu erfüllen, „um unser Kind bald in die Arme nehmen zu können“.

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