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Enkeltrick : Nach Anruf Selbstmord

Ziel der Betrüger: Hilflose und einsame ältere Menschen Bild: dpa

Verbindungsdaten dürfen nicht gespeichert werden. Das spielt Verbrechern in die Hände - zum Beispiel auch den Telefon-Tätern beim "Enkeltrick". Protokoll eines Betrugs mit grauenhaften Folgen.

          Als sie sich erhängte, war sie 90 Jahre alt und hatte zwei Weltkriege überlebt. Am Tag zuvor hatte das Telefon in ihrer Wohnung geklingelt. Es rief nur noch selten jemand bei ihr an. Sie nahm den Hörer ab: „Hallo?“ Die Brüchigkeit ihrer Stimme zeigte dem Mann am anderen Ende der Leitung, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Zuvor hatte er wahrscheinlich mit einem Textmarker im Telefonbuch der Stadt, in der sie wohnte, auf einer beliebigen Seite alle Paulas, Marias, Hermines, Josefines und Elisabeths markiert. Danach setzte er sich in seinem „Call-Center“ in Polen ans Telefon, trank vielleicht noch einen Schluck Kaffee, fing an zu wählen, Nummer für Nummer. Zwanzig Anrufe liefen ins Leere, es kam kein Gespräch zustande. Dann wählte er ihre Nummer.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Hallo?“
          „Hallo, ich bin's, grüß dich!“
          „Martin? Bist du's? Wie geht's?“
          „Gut, ich sitze im Auto, bin am Handy, deshalb ist die Verbindung so schlecht.“
          „Du kommst doch übermorgen, Martin?“
          „Ja, übermorgen komme ich. Du musst mir einen Gefallen tun, ja?“
          „Ja, sicher, gut!“
          „Hör' mal, ich brauche, bis ich komme, deine Hilfe! Hast du Geld zu Hause?“
          „Ich hab 1000 Euro!“
          „Hast du auch dein Sparbuch?“
          „Ich hab das eine Sparbuch, ich hab' eins, da ist genug drauf.“
          „Wie viel denn?“
          „So 5000 Euro“
          „Ist das alles? Du hast doch ein Sparbuch und ein Konto!“
          „Ja, auf dem Konto sind 10.000 Euro.“
          „Pass auf, du musst zur Bank gehen, und hebst das Geld von den Konten ab, du darfst der Bank aber nichts sagen, ja?“
          „Wie soll ich das machen, das geht doch nicht?“
          „Hol' mal das Buch!“
















          Sie legt den Hörer zur Seite und holt das Sparbuch.
          „Da sind 5300 drauf.“
          „Und auf dem normalen hast du noch 10.000. Du holst also alles beides von der Bank ab, ja, hast du gehört? Und du darfst der Bank nichts sagen. Wenn die dich fragen, dann sag: ,Das geht Sie nichts an, das ist für mich privat!'“
          „Aber Martin, ich schaff das nicht, die lassen mich nicht, die geben mir das nicht . . .“
          „Ich sag dir jetzt mal was, willst du mir helfen oder nicht?“
          „Ja.“
          „Dann musst du alles tun, was ich dir sage. Fahr mit dem Taxi in die Stadt, hast du mich verstanden?“





          Jetzt beginnt die alte Dame zu weinen.
          „Ich kann das nicht, ich kann das nicht, kannst du nicht jemand anders fragen?“
          „Wenn du jemandem was erzählst, werde ich nie mehr mit dir reden!“
          „Das Geld ist mir doch gar nicht wichtig, Martin!“
          „Dann hör auf zu weinen! Warum weinst du denn jetzt?“
          „Ich bin so allein. Bist du das denn wirklich Martin?“
          „Ja doch, ich bin im Auto, am Autotelefon.“
          „Du bist so komisch, die Sprache ist so komisch.“
          „Ich hab doch gesagt, ich bin im Auto! Wenn du mit dem Geld kommst, sage ich dir zu Hause, was du machen sollst.“
          „Mein Gott, mein Gott!“
          „Ich verlass mich auf dich! Jetzt sag' ich dir, wie du das Geld kriegst: Das Geld vom Girokonto kriegst du so, das Sparbuch musst du kündigen.“
          „Martin, das werden die mir nicht glauben.“
          „Doch, du musst es nur so machen, wie ich es sage.“











          Sie fuhr mit dem Taxi zur Bank und hob das Geld ab. „Martin“ schickte per Handy zwei Abholer, „Freunde“, zu ihrer Wohnung. Insgesamt erbeuteten die Täter knapp 20.000 Euro. Ihr gesamtes Vermögen - innerhalb von drei Stunden verloren. Einen Tag später nahm sie sich das Leben. In ihrem Abschiedsbrief entschuldigte sie sich bei ihrer Familie dafür, dass sie einem Fremden ihr gesamtes Geld ausgehändigt hatte. Sie sei sehr betrübt, dass nicht einmal mehr das Geld für ihr Begräbnis übrig sei.

          Ein bandenmäßig organisiertes Verbrechen

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