https://www.faz.net/-gum-9jxam

Ende der Todesstrafe : Der letzte Gang des Richard Schuh

Nach seiner Festnahme: Raubmörder Richard Schuh 1948 Bild: Staatsarchiv Sigmaringen

Vor 70 Jahren wurde zum letzten Mal in Westdeutschland ein Verbrecher hingerichtet. In den Fall Richard Schuh waren Politiker involviert, die in der frühen Bundesrepublik noch eine wichtige Rolle spielen sollten.

          3 Min.

          Die Guillotine mit dem 40 Kilogramm schweren Messer ließen die französischen Besatzer bauen – eigentlich zur Hinrichtung deutscher Kriegsverbrecher im badischen Rastatt. Am 18. Februar 1949, heute vor 70 Jahren, stellten Arbeiter das Hinrichtungsgerät aber im Tübinger Gefängnishof auf. Um 6.10 Uhr richteten sie den zum Tode verurteilten Raubmörder Richard Schuh hin. Die Franzosen bestraften zwar danach auch noch Kriegsverbrecher mit dem Tod, und in der DDR wurde noch 1981 der Stasi-Mitarbeiter Werner Teske hingerichtet. Aber Schuhs Guillotinierung in Württemberg-Hohenzollern, einem der drei Vorläuferstaaten Baden-Württembergs, war die letzte Hinrichtung, die in Westdeutschland vollstreckt wurde.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          In den drei westlichen Besatzungszonen verkündeten deutsche Gerichte nach Kriegsende und bis zum Inkrafttreten des Grundgesetzes am 24. Mai 1949 insgesamt 34 Todesurteile, davon vollstreckten die Scharfrichter jedoch nur 15. In West-Berlin, wo das Grundgesetz nur eingeschränkt galt, wurde die Todesstrafe erst 1951 abgeschafft; die letzte Hinrichtung eines Straffälligen fand dort statt, als am 12. Mai 1949 der Raubmörder Berthold Wehmeyer durch das Fallbeil starb. Der Parlamentarische Rat zog mit der Abschaffung der Todesstrafe eine Lehre aus der nationalsozialistischen Diktatur, in der zivile Strafgerichte von der Todesstrafe ausgiebig Gebrauch gemacht hatten – etwa 16.000 Menschen wurden zwischen 1933 und 1945 hingerichtet.

          Der von den Nazis verfolgte Sozialdemokrat Friedrich Wilhelm Wagner begründete seine Ablehnung der Todesstrafe am 10. Februar 1949 im Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates mit den Worten: „Ich muss sagen, man sollte es im Jahr 1949 nicht mehr notwendig haben, diesen Antrag ausführlicher zu begründen. Wenn Sie mit dem Töten der Menschen, mit dem Töten von Mensch zu Mensch ein Ende machen wollen, können sie auch nicht dem Staat das Recht geben, Menschen zu töten. Es wird nicht besser, wenn der Staat einem Menschen das Leben nimmt, als wenn es der Einzelne nimmt. Es ist, was es war: eine Barbarei.“ Im Mai 1949 stimmte der Rat nach heftigen Debatten – und einer vergeblichen Intervention des CDU-Politikers und Notars Paul de Chapeaurouge zugunsten der Todesstrafe – doch für deren Abschaffung. SPD, Zentrum, Deutsche Partei und KPD sprachen sich geschlossen dafür aus und auch die Hälfte der CDU-Abgeordneten. Von den FDP-Abgeordneten befürwortete die Abschaffung lediglich Thomas Dehler.

          Mord an Lastwagenfahrer

          In den Fall Schuh waren Politiker involviert, die in der frühen Bundesrepublik noch eine wichtige Rolle spielen sollten: Gebhard Müller und Carlo Schmid. Müller, Staatspräsident des Landes Württemberg-Hohenzollern und Befürworter der Todesstrafe, hatte im Oktober 1948 das Gnadengesuch Schuhs verworfen. Sein Stellvertreter und Justizminister Carlo Schmid hingegen hatte sich für eine Begnadigung ausgesprochen, allerdings konnte er an der Kabinettssitzung in Tübingen am 18. Oktober 1948 nicht teilnehmen, weil er an diesem Tag im Parlamentarischen Rat in Bonn sein musste.

          Schmid war ein grundsätzlicher Gegner der Todesstrafe, weil er als junger Rechtsreferendar an Hinrichtungen hatte teilnehmen müssen. Müller, der von 1953 bis 1958 der zweite Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und danach Präsident des Bundesverfassungsgerichts werden sollte, setzte sich mit seinem Wunsch durch, die Hinrichtung zu vollstrecken. Über die Bitten des Pfarrers aus Schuhs Geburtsort, des Gefängnisdirektors und der Tanten des zum Tode verurteilten Mannes setzte er sich hinweg.

          Im Januar 1948 hatte sich der 27 Jahre alte Richard Schuh, der uneheliche Sohn einer Kleinbäuerin, der Mechaniker gelernt und im Zweiten Weltkrieg an West- und Ostfront gekämpft hatte, von einem Lastwagenfahrer mitnehmen lassen. Er erschoss den Fahrer mit einer Walther P38, weil er die Reifen des Fahrzeugs auf dem Schwarzmarkt verkaufen wollte. Schon vier Tage später wurde er festgenommen, wenige Wochen später beging seine Mutter Selbstmord, indem sie in den Neckar sprang. Das Gericht bescheinigte Schuh eine „ungewöhnliche Gefühlskälte“ und verurteilte ihn zum Tode, obwohl es die Tat auch mit der durch den Krieg verursachten Demoralisierung erklärte.

          Vor seiner Hinrichtung schrieb Schuh sechs Abschiedsbriefe. Bevor der Scharfrichter den Straftäter auf die Guillotine führte, begründete der Oberstaatsanwalt die Hinrichtung nach einer aktuellen Recherche der „Stuttgarter Zeitung“ noch einmal: „Ihr Leben ist verwirkt. Gehen Sie mutig und gefasst Ihren letzten schweren Gang in dem Bewusstsein, dass Sie nur dadurch ihre Schuld sühnen und sich von Ihrer Todsünde reinigen können.“

          Schuhs Leichnam wurde dem Anatomischen Institut der Universität Tübingen für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Das Fallbeil ist im Strafvollzugsmuseum Ludwigsburg ausgestellt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.