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Raserunfall in München : „Keine Hetzjagd“

An der Stelle des Unglücks: Kerzen und Stofftiere erinnern an den Jugendlichen, der hier in der Münchener Innenstadt von einem Raser totgefahren wurde. Bild: dpa

Eine Videoaufnahme von dem Raserunfall in München, bei dem ein Jugendlicher starb, soll die Polizei von Hetzjagd-Vorwürfen entlasten und den Vorsatz des Fahrers belegen. Die Staatsanwaltschaft sieht mehrere Mordmerkmale erfüllt.

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          „Wir sind sehr froh, dass es diese Aufnahmen gibt.“ Die Aufnahmen, von denen Oberstaatsanwältin Anne Leiding am Montag spricht, hat ein Zeuge zur Polizei gebracht. Sie zeigen das Geschehen, das die Münchner Staatsanwaltschaft I als Mord und mehrfachen Mordversuch wertet: Der Autofahrer hatte mit seiner Dashcam am Freitag kurz vor Mitternacht gefilmt, wie ein Fahrzeug gegen die Fahrtrichtung in eine Gruppe Fußgänger gerast war, die eine Straße überquerten. Die Ampel zeigte für sie Grün.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auf dem Video ist demnach zu sehen, wie ein 14 Jahre alter Junge von dem Auto, das die Oberstaatsanwältin als „Geschoss“ bezeichnet, in die Luft katapultiert und meterweit über die Straße geschleudert wurde. Gefilmt worden sei auch, wie der Fahrer einfach weiterraste – und wie etwa zehn Sekunden später ein Streifenwagen, der den Raser verfolgte, eine Vollbremsung hinlegte, die Polizisten aus dem Auto sprangen und versuchten, den Vierzehnjährigen zu reanimieren. Der Junge starb später an seinen Verletzungen.

          Zwar beging der Autofahrer mit der Kamera, die am Armaturenbrett oder an der Windschutzscheibe befestigt war, nach Angaben Leidings eine Ordnungswidrigkeit, als er den fließenden Verkehr aufnahm. „Doch es ergibt sich daraus kein Verwertungsverbot der Aufnahmen für ein Gerichtsverfahren.“

          Verdächtiger kein Unbekannter

          Die Aufnahmen sollen auch den Vorsatz des Rasers belegen, da zu sehen sei, wie er „ungebremst“ in Menschen fährt. Das soll die Mordanklage erhärten. Der 34 Jahre alte Deutsche hat aus Sicht der Staatsanwaltschaft den Vierzehnjährigen ermordet und drei weitere Mordversuche unternommen, als er in die Gruppe fuhr, dabei ein 16 Jahre altes Mädchen schwer verletzte und später auf der weiteren Flucht ein Fahrzeug dazu brachte, gegen eine Litfaßsäule zu fahren. Auch die beiden Insassen dieses Autos habe er in Gefahr gebracht.

          Die Mordmerkmale sind laut der Oberstaatsanwältin anhand mehrerer Punkte festzumachen: Der Fahrer sei ungebremst in die Jugendlichen gefahren, die keinen Angriff erwartet hätten, habe damit heimtückisch gehandelt und sein Fahrzeug als „gemeingefährliches Mittel“ genutzt. Ein weiteres Merkmal sei in den niedrigen Beweggründen zu sehen: Der Fahrer sei auf der Flucht gewesen, weil er über eine durchgezogene Linie gefahren sei. Eine Polizeistreife war auf den Mann aufmerksam geworden, weil er gegen 23.10 Uhr auf der Landsberger Straße verbotenerweise gewendet hatte. Es komme zudem durch die weitere Flucht Verdeckungsabsicht in Betracht.

          Am Ort des Geschehens: Polizisten nach einem Unfall auf der Fürstenrieder Straße neben einem beschädigten Auto.

          Der Fahrer des Wagens, der seine gefährliche Flucht nach den Angaben der Ermittler auch mit ausgelösten Airbags, also „blind“, fortsetzte und bei seiner Festnahme erheblichen Widerstand leistete, ist für die Polizei kein Unbekannter. Er wurde im Mai 2016 wegen Rauschgifthandels zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt und kam auf Bewährung frei. Ob bei seiner Raserei durch die Münchner Innenstadt – es wurde eine Geschwindigkeit von 120 Kilometer in der Stunde festgestellt – Drogen oder Alkohol im Spiel waren, steht noch nicht fest. Josef Wimmer, der Leiter der Münchner Mordkommission, verweist auf die ausstehenden toxikologischen Untersuchungen und berichtet von „kleineren Mengen Marihuana“, welche die Polizei im Wagen des Rasers sichergestellt habe. Auch habe der Fahrer deutlich nach Alkohol gerochen.

          Polizei veranstaltete keine Jagd

          Warum der Mann, der bislang keine Angaben zum Tatvorwurf machen will, diese waghalsige Flucht ergriffen hatte, darauf kann die Polizei am Montag noch keine Antwort geben. Was sie aber entschieden zurückweist, sind Spekulationen über eine angebliche „Hetzjagd“ durch die Streifenwagen, die zu dem Unglück beigetragen habe. Dass die Polizei keine „Jagd“ veranstaltet hat, sieht man nach Wimmers Angaben schon daran, dass die erste Streife das Auto des Rasers zunächst aus den Augen verloren hatte – da sie eben nicht mit gleicher Geschwindigkeit durch die Innenstadt habe fahren wollen. Jedoch sei es die Pflicht der Polizisten gewesen, den Mann zur Warnung der anderen Autofahrer mit Blaulicht zu verfolgen, da er sich zuvor ohne Grund so auffällig verhalten habe. „Stellen Sie sich vor, die Polizei hätte ihn bewusst nicht verfolgt. Und der Mann hätte Stunden später im Alkoholrausch jemanden totgefahren. Welche Vorwürfe wären dann gegen die Polizei laut geworden?“

          Die Polizisten, sagt der Leiter der Mordkommission, hätten rücksichtsvoll gehandelt, ihnen gebühre „größter Respekt“. Die Aufnahmen würden deutlich zeigen, wie die Beamten in Kauf genommen hätten, dass der Täter entkomme – als sie anhielten, um dem Jungen beizustehen.

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