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Festnahmen und Durchsuchungen : Ein schmerzhafter Wespenstich

Polizisten vor dem Restaurant eines Verdächtigen in Pulheim Bild: EPA

Im Rahmen der europaweiten Aktion ist den Behörden laut BKA ein „signifikanter Schlag“ gegen Mafia-Strukturen in Deutschland gelungen. Ausgehoben ist die ’Ndrangheta damit jedoch noch nicht.

          Ein raffiniertes Versteck zum Schmuggel von Drogen präsentierte das Bundeskriminalamt (BKA) am Mittwoch in Wiesbaden in einer Werkstatt auf dem eigenen Gelände: In den Kofferraumboden eines VW-Touran hatten Mitglieder der italienischen Mafiaorganisation ’Ndrangheta ein Fach eingebaut, das sich nur öffnen lässt, wenn der Motor gezündet, die Heckscheibenheizung eingeschaltet und hinten im Wagen ein Handyladegerät eingesteckt ist. Das Fahrzeug wurde im Zuge der Ermittlungen gegen eine Zelle der ’Ndrangheta in Deutschland sichergestellt, die am Mittwoch im Rahmen einer europaweiten Aktion ausgehoben wurde.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Bei großangelegten Razzien gegen Mitglieder der ’Ndrangheta in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Belgien wurden rund 90 Tatverdächtige festgenommen und 4000 Kilogramm Kokain sowie 140 Kilogramm Ecstasy-Pillen beschlagnahmt. Das Ergebnis in Deutschland: Ermittelt wird gegen 47 Beschuldigte, ihnen wird bandenmäßiger Handel mit Betäubungsmitteln (vor allem Kokain), Geldwäsche sowie Mitgliedschaft in einer ausländischen kriminellen Vereinigung vorgeworfen. 14 von ihnen wurden bis zum Mittwochabend bereits festgenommen, sechs davon aufgrund von Haftbefehlen aus Italien, Belgien und den Niederlanden. Mehr als 440 BKA-Beamte, unterstützt durch Kräfte der Bundespolizei, waren im Einsatz. 65 Objekte wurden durchsucht. Schwerpunkt der Razzia war Nordrhein-Westfalen. Durchsuchungen gab es aber auch in Bayern. Bei den Ermittlungen wurde nach BKA-Angaben der Schmuggel von 490 Kilogramm Drogen nachgewiesen, sichergestellt wurden zudem hohe Bargeldbeträge sowie Autos, die mutmaßlich aus Kurierfahrzeuge dienten.

          In Nordrhein-Westfalen durchsuchte die Polizei gleichzeitig mehrere Pizzerien, Eiscafés und Wohnhäuser im Rheinland und in Teilen des Ruhrgebiets. Einer der mutmaßlichen Haupttäter in Deutschland, ein 45 Jahre alter Gastwirt aus der Nähe von Köln, wurde am frühen Morgen von Spezialkräften in seiner Wohnung im Schlaf überrascht und festgenommen. Der Mann betreibt in Pulheim eine Osteria, soll zugleich aber „in sehr umfangreichem Maße“ am Kokain-Handel beteiligt sein, wie ein Polizeisprecher sagte.

          Gruppe sei „hochprofessionell und konspirativ“ vorgegangen 

          Der Gruppe mutmaßlicher Mafiosi um den Pulheimer Osteria-Wirt kamen die Ermittler 2016 auf die Spur, als 80 Kilogramm Kokain in einem Pferdetransporter am britischen Fährhafen Harwich sichergestellt werden konnten. Den Tatverdächtigen werden bisher mindestens 23 solcher Transporte von jeweils 80 Kilogramm Kokain aus den Niederlanden nach England zur Last gelegt. Insgesamt wurden am Mittwoch in Nordrhein-Westfalen und Berlin sieben mutmaßliche Mafiosi festgenommen.

          Von einem „signifikanten Schlag“ gegen die Mafiastrukturen in Deutschland sprach BKA-Vizepräsident Peter Henzler am Mittwoch in Wiesbaden. Das Geschäftsmodell der ’Ndrangheta-Zelle sei es gewesen, Rauschgift über sogenannte Residenten in Süd- und Mittelamerika zu ordern. Der Transport sei in Containern auf dem Schiff erfolgt, im „dreistelligen Kilogrammbereich“, zumeist nach Rotterdam und Antwerpen. In den Häfen konnte die Zelle auf weitere Mitglieder zurückgreifen, die den Weitertransport in präparierten Fahrzeugen sicherstellten – dann in Portionen von 20 bis 25 Kilogramm. Das Rauschgift sei hauptsächlich nach Italien gebracht worden, Kokain aber auch nach Deutschland. Die Erlöse wiederum seien gewaschen und investiert worden, „überwiegend in Immobilien in Italien“. In Deutschland sei derlei noch nicht festgestellt worden, man sei aber noch „mitten in den Ermittlungen“. Erschwert wurde das Vorgehen der Behörden nach Darstellung Henzlers, da die Gruppe „hochprofessionell und konspirativ“ vorgegangen sei. So habe sie etwa Smartphones präpariert, um einer Überwachung zu entgehen, weiterhin seien verschlüsselte Messengerdienste genutzt und Fahrzeuge regelmäßig umgemeldet worden.

          Den Hinweis auf die Zelle in Deutschland hatte die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft in Kalabrien den deutschen Behörden 2016 gegeben. Henzler spricht von einem „hervorragenden Informationsaustausch“, gerade mit Italien. Das BKA stellt zwei Verbindungsbeamte in Rom, die italienische Polizei wiederum zwei Beamte im BKA. In Folge der Ermittlungen wurde eine gemeinsame internationale Untersuchungsgruppe gebildet, die den Namen „Pollino“ trug. Koordiniert wurden die Ermittlungen von der europäischen Justizbehörde Eurojust. Deren Vizepräsident Filippo Spiezia bezeichnete die Operation am Mittwoch als „außerordentlichen Erfolg“. Italiens Anti-Mafia-Staatsanwalt Federico Cafiero de Raho wies allerdings darauf hin, dass die ’Ndrangheta weiterhin stark und gefährlich sei: „Wenn wir glauben, wir haben die ’Ndrangheta ausgehoben, dann täuschen wir uns.“ Diese gilt inzwischen als die mächtigste italienische Mafia-Organisation. Sie dominiert den Drogenschmuggel nach und in Westeuropa und soll mittlerweile sogar einen Großteil des weltweiten Handels mit dem Rauschgift beherrschen. Schätzungen über den Umsatz ihrer Geschäfte reichen von zehn bis 100 Milliarden Euro pro Jahr. Bezogen auf die weltweiten Strukturen sei der Schlag am Mittwoch „ein Wespenstich“, sagte BKA-Vizepräsident Henzler. Aber eben auch einer, der – was Deutschland angehe – „sehr schmerzhaft“ sei. In der Bundesrepublik gibt es nach Angaben des BKA etwa 600 aktive Mitglieder unterschiedlicher Mafiagruppierungen, die meisten stellt die ’Ndrangheta, gefolgt von der Cosa Nostra und der neapolitanischen Mafia.

          Traurige Berühmtheit erlangte die ’Ndragheta nach den Mafia-Morden von Duisburg im August 2007. Vor dem Restaurant „Da Bruno“ in der Nähe des Hauptbahnhofs wurden sechs Italiener erschossen. Die Tat war der Höhepunkt eine Fehde zwischen zwei ’Ndrangheta-Clans, die bis ins Jahr 1991 zurückreichte. Der Haupttäter konnte erst im März 2009 in Amsterdam verhaftet und nach Italien ausgeliefert werden. Von der Razzia am Mittwoch waren nach Darstellung des BKA auch Personen aus der Familie betroffen, die damals Tote beklagen musste. 

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