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Neuruppin : Ein Mordprozess nach mehr als 40 Jahren

  • -Aktualisiert am

Späte Anklage: Erna F. mit ihrem Verteidiger in Neuruppin am ersten Prozesstag. Bild: dpa

Eine anonyme Anzeige bringt eine Mutter in Neuruppin vor Gericht. Die Frau habe 1974 ihren Sohn mit Gas ermordet, so die Anklage. Vor allem ein Zeuge belastet die Frau schwer – 42 Jahre danach.

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          Mit übergroßem Publikumsandrang rechneten sie im Neuruppiner Landgericht nicht. Und tatsächlich: Im großen Saal 2, in dem die Strafkammer am Mittwoch den Fall des kleinen Mario behandelt, sitzen mehr Journalisten als Zuschauer, die sonst gern Mordprozesse beobachten.

          Auch dies ist ein Mordprozess. Nur deshalb konnte die heute 74 Jahre alte Erna F., die in der Nacht auf den 5. November 1974 ihrem damals achtjährigen Sohn Mario heimtückisch mit Gas umgebracht haben soll, überhaupt noch verfolgt werden. In der DDR verjährte Mord nach 25 Jahren. Doch wenn ein Mord am Tag der staatlichen deutschen Einheit, dem 3. Oktober 1990, nicht verjährt war, verjährte er nach dem Einigungsvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik ebenso wenig wie zuvor in dieser. Rechtshistorisch ist das Verfahren gegen Frau F. also auf jeden Fall interessant.

          Ob er aber für skandalverwöhnte Prozessbeobachter reizvoll wäre? Wie hat die Angeklagte geguckt? Wie glaubhaft wirkten ihre Aussagen? Wie hat sie auf Zeugenaussagen reagiert?

          „Mit dem verhaltensauffälligen Sohn überfordert“

          Am ersten Verhandlungstag (von vier geplanten) wird gleich zu Beginn klar, dass von ihr nicht viel zu hören sein wird. Das Gericht stellt ihre Personalien fest, die Staatsanwältin trägt die Anklage vor („die Angeklagte war mit dem verhaltensauffälligen Sohn überfordert, er stand ihrer Lebensplanung im Wege“), und der Richter legt dar, dass Angeklagte vor Gericht schweigen dürfen. Dann sagt ihr Verteidiger, sie werde „im Moment“ weder zu ihrer Person noch zu den Vorwürfen aussagen, seine Mandantin bestreite im übrigen die Tat. Also Verhandlungspause. Denn das Gericht hat viel Zeit für das Gespräch mit Frau F. eingeplant und zwei Zeugen erst mittags einbestellt.

          In der Kantine vergleichen Journalisten ihre Rechercheergebnisse und freuen sich an dem Fund der Kollegin von der „Berliner Zeitung“. Sie hat in Schwedter Zeitungen von 1974 nach Berichten über den spektakulären Mordfall gesucht, jedoch nur eine ganzseitige Anzeige des VEB Energiekombinats zum Umgang mit Stadtgas gefunden: „Gasunfälle müssen nicht sein – sie sind vermeidbar“, habe der „Neue Tag“, die Zeitung der Bezirksleitung der SED Frankfurt (Oder) einige Tage nach dem Todesfall an der Ernst-Thälmann-Straße gemeldet. „Bild“ gestaltete am Mittwoch gleich zwei Seiten zu dem Fall mit großen Fotos: Exklusiv sprechen dort Erna F., ihr ehemaliger Mann („war ein Teufel in Menschengestalt“), ihre Schwester („ist keine Mörderin“) und so weiter.

          Frau F. steht fast 42 Jahre nach dem Tod ihres Sohns wegen Mordes vor Gericht, weil sie anonym angezeigt wurde. Die Anzeige ging 2009 bei der Staatsanwaltschaft Hannover ein und wurde zuständigkeitshalber ans Brandenburger Landeskriminalamt (LKA) nach Eberswalde weitergeleitet. Der Richter verliest die maschinengeschriebene Anzeige, etwa ein halbes Din-A-4-Blatt: Erna F. habe ihren Sohn Mario mit Gas ermordet, es sei erstaunlich, dass sie sich für diese „grausame Tat“ nie zu verantworten gehabt habe. Sie sei eine „geldgierige Mutter“ gewesen, der Kleine sei ihr „im Weg“ gewesen. Sie habe sich seinerzeit auch prostituiert, heißt es in dem Text.

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