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Verhängnisvolle Diagnose : Wenn zu viel Nähe tödlich wird

Am liebsten mit Hemd und Krawatte: Jan G. vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) Bild: dpa

Ein junger Mann ersticht seine Oma und überfährt zwei Polizisten. Vor Gericht kommt nun heraus: Er ist ein Psychopath. Und eine Fehldiagnose hat die Tragödie erst möglich gemacht.

          8 Min.

          Der Prozess gegen Jan G. vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) endete mit einem Freispruch. Gut ein Jahr ist das jetzt her: Der Vierundzwanzigjährige, der einer Gewalttat wegen schon im Gefängnis gesessen hatte, hatte ein Handy abgezockt und Spirituosen geklaut, er war Auto gefahren ohne Führerschein und Zug ohne Fahrkarte. Typische Kleinkriminalität, konnte man denken, allerdings durchaus dreist, durchaus aggressiv. Außerdem hatte Jan G. seine Mutter und deren Lebensgefährten bedroht. „Ich schlachte dich ab wie ein Schwein!“, hatte er auf dem heimischen Grundstück zu dem Mann gesagt und zur Mutter: „Wenn du mich noch mal anzeigst, bringe ich dich um.“ Einmal hatte er sogar sein Klappmesser gezückt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Freispruch vom November 2016 ist nur einer von vielen Fehlern in einer unseligen Verkettung von fatalen Entwicklungen und falschen Entscheidungen, die im Fall Jan G. in eine Katastrophe münden sollten. Aber das Gericht folgte damals dem Gutachten eines Psychiaters, der bei Jan G. eine Schizophrenie festgestellt hatte – also eine schwere psychische Krankheit, die Menschen in ihrer Steuerungsfähigkeit so einschränkt, dass sie keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen können. Wer schizophren ist, darf nicht bestraft, er muss behandelt werden, ganz gleich ob er Ladendiebstahl begeht oder einen Menschen angreift. Und weil das Gericht zu der Überzeugung kam, dass Jan G. nur brav seine Medikamente nehmen müsse, um in Zukunft nichts Böses anzustellen, hielt es die Unterbringung im Maßregelvollzug für unnötig. Jan G. blieb frei.Kurze Zeit später tötete Jan G. drei Menschen.

          „Der Einzige, den sie auch gemocht hat von der Familie“

          Der 28. Februar 2017 ist der 79. Geburtstag seiner Großmutter, bei der Jan G. im ersten Stock ihres spitzgiebeligen Hauses wohnt. Der junge Mann hat eine unruhige Nacht hinter sich. Nachdem seine Freundin sich von ihm getrennt hat, ist er auf Ecstasy, weil er bei seinem Dealer kein Amphetamin bekommt, das er besser verträgt. Seiner älteren Schwester, die mit ihren Hunden auf dem hinteren Teil des Familiengrundstücks lebt, fällt auf, er sei komisch drauf. Zu einem Handwerker, der im Haus der Oma zwei Lampen montiert, ist Jan G. jedoch ausgesprochen freundlich. Das bemerkt sogar der Lebensgefährte der Mutter im Nachbarhaus: Auf einem vergleichsweise kleinen Areal im ostbrandenburgischen Müllrose leben drei Generationen Tür an Tür, Zaun an Zaun. Aber was nach Nähe und Verbundenheit aussieht, ist schon immer eine ungesunde Enge, die an diesem Februardienstag der Großmutter zum Verhängnis wird.

          Vor Gericht spricht Jan G. mit verklärender Wärme von seiner Großmutter. „Oma war die Einzige, die immer anders war“, sagt er. „Ich habe ihr immer die Füße gewaschen. Wir haben fast jeden Tag Karten gespielt.“ Am Morgen ihres Geburtstags jedoch gibt es Streit. Ursprünglich geht es wohl um Geld. Dann eskaliert die Sache. Jan G. will seiner Oma Honig über den Kopf geschüttet und geglaubt haben, die alte Frau wolle ihn am Telefon verpetzen. Er schlägt zu, laut Anklage zuerst mit der Faust, dann mit einer Porzellanzuckerdose und einem Stuhl, immer weiter drischt er auf sie ein, bis er schließlich ein Messer holt und zusticht. Dem Bericht der Rechtsmedizinerin nach muss er die Großmutter übel zugerichtet haben. „Sie hat nicht gelitten“, behauptet hingegen Jan G., und dass er ihr das Krankenhaus habe ersparen wollen und die Erkenntnis, dass ihr Enkel, „der Einzige, den sie auch gemocht hat von der Familie“, sie für immer entstellt habe. Aber es ist nicht ganz klar, was man von den Dingen halten soll, die Jan G. so im Gerichtssaal erzählt: Der Angeklagte, der meist in Hemd und Krawatte erscheint und von mehreren bulligen Männern bewacht wird, wirkt mal nachdenklich, mal detailversessen, oft scheint er einer völlig eigenen, weltvergessenen Logik zu folgen. Wie ernst soll man ihn nehmen?

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