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Zu Haftstrafe verurteilt : Frau tötet ihren Peiniger, muss aber nicht mehr ins Gefängnis

Jahrelang erlitt sie Qualen durch ihren Stiefvater und späteren Ehemann: Valérie Bacot am Freitag im Gerichtssaal Bild: AFP

Der Fall sorgte in Frankreich für Aufsehen: Nachdem er sie mehr als 20 Jahre lang missbraucht und gequält hatte, erschoss Valérie Bacot ihren Mann. Nun fiel das Urteil: Sie erhielt eine Haftstrafe.

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          In einem Aufsehen erregenden Prozess ist die Französin Valérie Bacot wegen der Tötung ihres gewalttätigen Ehemanns zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt worden. Davon wurden drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Als der Staatsanwalt zuvor gefordert hatte, die Strafe gegen Bacot auf Bewährung auszusetzen, war die Angeklagte zusammengebrochen. Die 40 Jahre alte Französin stand in der burgundischen Kleinstadt Chalon-sur-Saône vor Gericht, weil sie ihren Ehemann getötet hat, der sie zuvor 24 Jahre lang sexuell misshandelt, prostituiert und gequält hatte.

          Der Staatsanwalt sagte, Bacot hätte zwar nicht töten dürfen, aber „dieses Verbot kann ausgesprochen werden, ohne sie zu inhaftieren“. Ihre vier Kinder brauchten die Mutter, für die Gesellschaft stelle Bacot keine Gefahr dar. „Das Urteil sollte die Rückkehr Valérie Bacots ins Leben zur Folge haben, nicht ihren Rückzug“, sagte der Staatsanwalt. Er plädierte deshalb für eine Haftstrafe von fünf Jahren, davon vier Jahre auf Bewährung. Da Bacot schon ein Jahr lang in Untersuchungshaft zugebracht hat, könnte sie den Gerichtssaal auf freiem Fuß verlassen. Das ist nach dem Urteil nun der Fall.

          Die Angeklagte wühlte die Aussicht auf die Freilassung so auf, dass sie ärztlichen Beistand brauchte. Ihre vier Kinder stellten sich schützend um die Mutter, die Verhandlung wurde ausgesetzt. Erst nach einer Stunde Unterbrechung konnte die Gerichtsverhandlung wieder aufgenommen werden.

          Sie bekam vier Kinder von ihrem Peiniger

          Der Fall der jungen Frau hatte in Frankreich Aufsehen erregt. Im Alter von zwölf Jahren wurde sie zum ersten Mal vom Liebhaber ihrer Mutter vergewaltigt. Der Mann wurde verurteilt, kam aber nach verbüßter Haft zur Familie zurück und verging sich von Neuem an Valérie Bacot. Die Siebzehnjährige wurde schwanger, wurde mittellos von ihrer Mutter verstoßen und flüchtete sich in eine Heirat mit ihrem Peiniger. Jahrelang wurde sie von ihm sexuell missbraucht und zur Prostitution gezwungen. Sie bekam vier Kinder von ihm.

          Wie sie vor Gericht schilderte, musste sie sich auf der Rückbank des Familien-Vans prostituieren, während ihr gewalttätiger Mann auf dem Fahrersitz wachte. Als er sexuelles Interesse an ihrer damals 14 Jahre alten Tochter Karline bekundete, schritt sie von der Rückbank des Wagens zur Tat und tötete ihn mit einem Genickschuss.

          Ihr leidvolles Leben beschrieb sie in dem kürzlich erschienenen Buch „Tout le monde savait“ (etwa: „Alle wussten es“). „Ich weiß, dass es schrecklich ist, was ich getan habe und dass das eine Strafe verdient“, sagte sie in einem Interview mit dem Sender BFM-TV. Sie habe es nicht ertragen, dass ihrer Tochter womöglich das gleiche Schicksal wie ihr drohe. In einer Internet-Petition forderten etwa 700.000 Menschen Gerechtigkeit für die Frau, die so lange gequält wurde.

          Der Prozess wirft auch die Frage auf, warum Polizei und Sozialfürsorge sie nicht schützen konnten. Die Kinder Valérie Bacots hatten wiederholt versucht, Anzeige gegen ihren gewalttätigen Vater zu erstatten, wurden jedoch abgewiesen. Den Verdachtsmomenten wurde nicht nachgegangen.

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