https://www.faz.net/-gum-9gueo

Bandenkriminalität in Dänemark : Zum Schweigen gebracht

Im Buchladen:„Wurzeln – der Ausweg eines Gangsters“ heißt die Biographie, nach deren Präsentation Nedim Yasar erschossen wurde. Bild: AFP

Nedim Yasar war der Boss einer kriminellen Bande in Dänemark. Er stieg aus und schrieb darüber. Nach der Vorstellung des Buches wurde er erschossen.

          Es hätte ein schöner Abend für Nedim Yasar werden sollen. Es wurde sein letzter. Yasar war auf der Feier zur Veröffentlichung des Buches „Rødder“, Wurzeln, in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Das Buch erzählt seine Geschichte. Wie er versucht hat, hinauszufinden aus der Welt des Verbrechens, in der er einst gelebt hatte. Eine Welt, die er hinter sich lassen wollte. Die ihn an diesem Abend doch wieder einholte.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Gegen 19.30 Uhr verließ Yasar die Feier. Kurz danach, auf dem Hejrevej im Nordwesten Kopenhagens, schoss ein Unbekannter in dunkler Kleidung mindestens zwei Mal auf sein Auto. Yasar wurde getroffen, der Täter flüchtete zu Fuß. So berichtet es die Polizei. Sie sucht noch immer nach Zeugen. Yasar wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Dort starb er am nächsten Tag. Am Dienstag. Dem Tag, an dem sein Buch über den Ausstieg eines Verbrechers aus der Welt der Banden in Dänemark in die Läden kam. Er wurde 31 Jahre alt.

          Mit seiner Abkehr vom Verbrechen hatte Nedim Yasar schon zuvor von sich Reden gemacht, ebenso als Moderator bei einem Radiosender. Auch dort sprach er viel über sich und sein Leben, über die Welt der Banden und Gewalt, über den langen Weg hinaus. Er berichtete den Dänen von einer Welt im Schatten in ihren Vororten und Problemvierteln. Einer Welt, die in den Medien und der Politik immer mehr Platz einnahm in den vergangenen Jahren. Und er versuchte, denen zu helfen, die es ihm nachtun wollten, und einen Weg aus dem Verbrechen suchten.

          Eine Gruppe von Freunden

          Der Sender Radio24syv war es, der als erster Yasars Tod vermeldete. Der Sender verbreitete auf Twitter ein Bild, auf dem die dänische Fahne vor dem Sendergebäude auf Halbmast zu sehen war. Der Chefredakteur wurde mit der Mutmaßung zitiert, der Mörder habe Yasar zum Schweigen bringen wollen. Auf Twitter schrieb der dänische Justizminister Søren Pape Poulsen: Yasars Tod sei „traurig und unendlich sinnlos“. Er habe Nedim einmal getroffen, eine Person, die sich mit vollem Herzen ein neues Leben habe erschaffen wollen.

          Nedim Yasar war 1987 in der Türkei geboren worden und mit vier Jahren nach Dänemark gekommen. Er wuchs in Ballerup auf, einem Vorort von Kopenhagen. Dort soll er, so ist es in dänischen Medien zu lesen, dann langsam auf die schiefe Bahn geraten sein. Das erste Geld habe er sich ergaunert, um sich einen BMW zu kaufen. Seinen Höhepunkt fand sein erstes Leben als Krimineller schließlich als Anführer der Bande „Los Guerreros“, die Krieger. Yasar erzählte einmal, es sei eine Gruppe von Freunden gewesen, die zusammen aufgewachsen seien. Sie trieben sich in Kopenhagen herum, vor allem wohl in Nørrebro. Ihr Geld sollen sie mit Drogen gemacht haben. Die Gruppe soll aber auch Verbindungen zu den Rockern der „Bandidos“ gehabt haben, schreibt die dänische Zeitung „Politiken“. Für die Rocker sollen sie als Handlanger tätig gewesen sein. Vom Geldeintreiben wird berichtet, von körperlicher Einschüchterung.

          Im Jahr 2012 begann Yasar, er war gerade Vater geworden, sein zweites Leben. Er nahm an einem Aussteigerprogramm teil. Stets war er sich bewusst, in was für eine Gefahr er sich damit begibt. Vor allem, wenn er öffentlich über die Welt der Banden sprach. Er war vorsichtig. In einem Internetvideo sieht man, wie Yasar durch Kopenhagen fährt. Ein kräftiger Mann, der Hals tätowiert. Er erzählt, dass er sich sicher sei, dass es keine gute Idee sei für ihn, einfach mal durch Nørrebro zu laufen, alleine am Abend. Nørrebro ist beliebt bei Studenten und Einwanderern. Seit Jahren gibt es Probleme mit Bandengewalt, es gab immer wieder Razzien und Schießereien.

          Eine Stimme weniger

          Nur einen Tag vor seinem Tod hatte Yasar der Zeitung „Ekstra Bladet“ ein Interview gegeben. Er erzählte von der allgegenwärtigen Gefahr. Er erzählte auch die Geschichte, wie er einem Mann im vergangenen Jahr die Tür öffnete, der sich sogleich mit einem Messer auf ihn gestürzt habe. Gerade rechtzeitig knallte Yasar die Tür wieder zu. Die Polizei informierte er über den Vorfall, sie gab ihm ein Nottelefon. Noch wenige Stunden vor seinem Tod erzählte er, dass er täglich Drohungen erhalte. Dass es Menschen gebe, die nicht wollten, dass er alles erzähle. Die tödlichen Schüsse auf ihn fielen schließlich nicht weit weg vom Bahnhof von Nørrebro.

          So wird in Dänemark nun auch diskutiert, wie sicher jemand sein kann, der die Welt der Banden verlässt. Beim Buchempfang soll keine Polizei anwesend gewesen sein, Yasar habe sein Nottelefon auch nicht dabei gehabt, wird berichtet. Ein Freund Yasars, ein früherer Chef der Rockerbande „Bandidos“ und ebenfalls ein Aussteiger, äußerte im Dänischen Rundfunk, es gebe nicht viele Menschen, die solche Informationen wie Yasar verbreiten könnten. Deshalb müsse man sich als Gemeinschaft um jene kümmern, die es tun. Es gebe nun eine Stimme weniger, man könne nicht riskieren, noch weitere zu verlieren. Justizminister Søren Pape Poulsen schrieb: „Es versteht sich von selbst, dass diese schreckliche Tragödie die Frage aufwirft, ob wir als Gesellschaft den richtigen Schutz für diejenigen Menschen haben, die aus dem Schatten heraus und zurück in die Gesellschaft treten wollen.“ Die Zeitung „Politiken“ schrieb, noch nie hätten so viele Bandenmitglieder in dänischen Gefängnissen gesessen wie heute. Gut 400 sollen es sein.

          Weitere Themen

          Du gehörst mir!

          Partnerschaftsgewalt : Du gehörst mir!

          Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Oft geht es dabei um Macht und Kontrolle. Auch Maria musste deshalb sterben.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.