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Grabsteine als Attraktion : Friedhof im Freizeitpark

Der Betreiber des Freizeitparks „Geiselwind“ muss sich vor Gericht verantworten, weil in seinem Park echte Grabsteine vor einem „Horrorhaus“ standen. Bild: dpa

Eine Schülerin erkennt beim Besuch eines Freizeitparks in Bayern den Grabstein ihres Großvaters vor einer Horror-Attraktion. Der Betreiber muss sich deshalb nun vor Gericht verantworten.

          Der „Friedhof“ vor dem „Horrorhaus“ hatte wenig mit Frieden zu tun, dafür umso mehr mit Umsatz. So sieht es zumindest die Staatsanwaltschaft Würzburg, die dem Betreiber eines Freizeitparks im unterfränkischen Geiselwind die „Verunglimpfung des Andenkens eines Verstorbenen“ zur Last legt. Der 34 Jahre alte Mann hatte demnach auf dem Gelände des Parks im Vorgarten seines „Horrorhauses“ echte Grabsteine samt Namen, Geburts- und Sterbedaten aufgestellt – aus Gründen „maximaler Vermarktung“ seiner Attraktionen. Gegen den Strafbefehl und die Zahlung einer Geldstrafe hatte der Mann Einspruch eingelegt. Seit Dienstag nun muss er sich vor dem Amtsgericht Kitzingen verantworten.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Aufgedeckt wurde diese „Herabsetzung der Ehre des Verstorbenen“, weil eine 13 Jahre alte Schülerin beim Besuch des Freizeitparks im August 2017 den Namen ihres Großvaters auf einem der Grabsteine erkannt hatte. Das Mädchen hatte den 1996 verstorbenen Großvater zwar nicht mehr kennengelernt, jedoch regelmäßig mit der Großmutter das Grab gepflegt, wie das „Obermain-Tagblatt“ berichtet. Beim Anblick des Grabsteins habe sie angefangen zu weinen. Am Abend rief sie demnach ihre Großmutter an und schickte ihr ein Foto des Grabsteins.

          Vor Gericht bezeichnete die Witwe das Aufstellen des Grabsteines in dem Freizeitpark als „riesengroße Schweinerei“. Die Witwe hatte nach dem Bericht der Zeitung einen Steinmetz damit beauftragt, das Grab aufzulösen, nachdem die Ruhezeit für das Urnengrab auf einem Friedhof im Landkreis Lichtenfels abgelaufen war. Sie habe dem Steinmetz dafür 130 Euro gezahlt. Inzwischen hat er das Geld für die Entsorgung zurückgezahlt.

          So authentisch wie möglich

          Acht Grabsteine hatte der Betreiber des Freizeitparks aufgestellt. Auf allen Steinen waren die Inschriften der Verstorbenen zu erkennen. Er hatte sie laut Staatsanwaltschaft als „Dekorationsobjekte“ von dem Steinmetz gekauft, um das „Horrorhaus“ so authentisch wie möglich wirken zu lassen. Beim Publikum sollte demnach der Eindruck entstehen, es handele sich um echte Gräber. Der Steinmetz hatte den Betreiber jedoch zuvor aufgefordert, die Inschriften unkenntlich zu machen, woran sich der Angeklagte nicht hielt. Die Grabsteine stammten allesamt aus Grab-Auflösungen: Der Steinmetz hatte den Angehörigen zugesichert, die alten Grabsteine „fachgerecht“ zu entsorgen.

          Der Angeklagte habe das allgemeine „Anstandsgefühl“ bewusst missachtet, wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Denn es sei jedem klar, dass es jegliche Grenzen des Anstands überschreite, wenn man „ungefragt und ohne einen entsprechenden, zu Lebzeiten ausdrücklich nach außen getragenen Willen seine letzte Ruhe in einem Freizeitpark im ,Vorgarten‘ eines ,Horrorhauses‘“ finden müsse. Doch dem Betreiber des Freizeitparks sei es nur um die Gewinnoptimierung gegangen. Vor Gericht hat sich der Angeklagte am Dienstag entschuldigt. Es tue ihm sehr leid: Er habe niemanden verletzen wollen.

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